Alldurchdringende Angst

von Swami Veda Bharati

Swami Veda Bharati

Swami Veda Bharati

Wir sehen, Angst durchdringt alle Lebensbereiche. Wir haben Angst, uns einem Fremden zu nähern und nach dem Weg zu fragen, aus Angst, er würde uns meiden. Wir haben Angst zu lieben, aus Angst, abgelehnt zu werden. Wir haben Angst in eine dunkle, schmale Gasse zu gehen, weil wir nahende Schritte hören, und derjenige, dessen Schritte wir hören, hat Angst, weil er unsere Schritte hört. Wir kaufen Waffen und erweitern Armeen, nicht weil wir mutig sind, sondern weil wir Feiglinge sind, die in grässlicher Angst vor allem und allen kauern.

Unsere Wirtschaft wird von Angst regiert. Wir fürchten, an Armut zu sterben. Die Börse ist von Emotionen regiert, die Hälfte davon entstanden aus Angst. Es gibt Massenangst und die Aktien fallen. Wir fürchten den Verlust unserer Position und eines renommierten Vorstandstitels. Wir fürchten, mit einem Pfeil vergiftet zu werden. Wir befürchten Krankheit. Wir fürchten um unsere Kinder und andere Lieben. Wir befürchten Donner, Blitz, dunkle Orte. Aber in erster Linie fürchten wir den Tod.
Angst nimmt verschiedene Formen an, wie Agoraphobie oder Angst vor dem Fliegen. Die kollektive maya hat einen dunklen Schleier auf all unsere Geister geworfen, auf den Geist meines Feindes und auf den Geist meines Selbst, der der Feind meines Feindes ist.
All diese „anderen“ (dviteeya-bhaava, anya-bhaava, parakeeya-bhaava) werden nicht aufhören, solange wir nicht den Schleier der maya beseitigen, wegen dem wir unser höchstes Selbstsein verloren haben, den Zustand in paramaatman.
Sobald wir diesen Zustand wieder erlangen, gibt es keine Angst mehr, keinen Feind, keinen Giftpfeil, keine „Wort-Steine“ oder Marschflugkörper. Bei der Betrachtung des heutigen Weltbildes vergessen wir, dass es fünfzig Nationen in dieser Zeit gibt, die keine Armeen haben.

Der Weg zu Furchtlosigkeit

Wir zittern, unsere Nation könnte durch eine Wiederholung der Tragödie vom 11. September in New York getroffen werden. Ja, wir leiden unter dem vorherrschenden Terrorismus auf der ganzen Welt. Aber wir vergessen ein weiteres 11. September, auf das ein Schriftsteller, Herr P. Sainath, unsere Aufmerksamkeit gezogen hat. Er schrieb einen Artikel mit dem Titel „Drei 11. September – wähle dein eigenes“ in der Hindu-Zeitung vom 11.9.2006 (S. 10) und erinnerte uns an die satyagraha, die Mahatma Gandhi am 11.9.1906 startete, vor etwas mehr als einem Jahrhundert. Diese große Seele musste damals all ihre Ängste beiseitelegen, die Angst vor Versagen, die Angst vor Ablehnung durch die Menschen, die Angst vor der Polizei lathis und die Angst vor Kugeln.

Denk daran, dass das, was andere erreicht haben, du auch erreichen kannst. Dein Therapeut arbeitet an deiner Agoraphobie und dein spiritueller Lehrer muss dich von der Furcht vor Gott befreien.

Ersetze die Furcht vor Gott durch die Liebe Gottes. Denn Gott ist Liebe und in Liebe gibt es keine Angst. Diese Liebe Gottes, das Eins-sein mit ihm, ersetzt die generische Angst, von der alle manifestierten Ängste nur Varianten darstellen.

Erkenne dein universelles Selbst als das Selbst von allen. Die Hand fürchtet nicht ihre Finger. Wie kannst du, das universelle Selbst, deine Finger fürchten, die imaginierten „anderen“, wenn es keine anderen gibt. Finde nicht nur universelle Brüderlichkeit, sondern universelles Selbstsein, atma-tattva. Dieses wäscht über dein generisches „Angst-Prinzip“ und die einzelnen Varianten davon werden entwurzelt und beseitigt.

Mit dem spirituellen Fortschritt vergeht auch die Gewalt (wie Wut) gegenüber anderen Wesen, nicht nur gegenüber menschlichen Wesen. Gewaltfreiheit in Bezug auf Lebensunterhalt und Essen, Gewaltlosigkeit bei der Reaktion auf Angriffe anderer, das alles verringert und beseitigt die Angst anderer vor dir, und dann werden sie dich nicht mehr als Feind sehen.

Während Gandhi britische Kleider boykottierte, hießen ihn die Lancashire-Fabrikarbeiter – deren Lebensunterhalt er so bedrohte – auf mitreißende Art Willkommen.

Meine Aussage könnte wie leerer Idealismus klingen. Ihr könnt sagen: „Wenn mein Land angegriffen wird oder meine Schwester belästigt wird, sollte ich nicht kämpfen?“ Die Antwort lautet: „Kämpfe, ja, aber ohne Feigheit und ohne Angst.“ Gandhi sagte, wenn deine Schwester belästigt wird und du sie nicht schützt, dann bist du nicht gewaltfrei, sondern ein Feigling. Hat er nicht die Armee gesegnet, die nach Kaschmir ging?

Man könnte jetzt meinen, dass ich mir selbst widerspreche. Nein, gar nicht. Zunächst einmal, hast du die oben genannten Prinzipien in deinem persönlichen Leben ausprobiert? Probiere sie aus und schaue, ob sie dir die Ruhe des spirituellen Fortschritts gewähren. Finde dann Wege, sofern du ein Suchender bist und nicht nur ein Verfechter von gemeinsamen geistigen Gewohnheiten, auf denen du diese furchtlose Gewaltlosigkeit in die kollektiven Formen der Wirtschaft, der Politik und der internationalen Beziehungen überträgst.

Beachte, Krishna sagte zu Arjuna: yudhyasv. Kämpfe!

Das ist nur die Hälfte des Satzes. Krishna sagte zu Arjuna:

yudhyasva vigata – jvarah
Kämpfe, aber ohne Wut und Blutrausch.

An diesem Punkt werde ich zwei Geschichten über Gewaltlosigkeit im Kampf und über die Angst erzählen.

Den Sufis und Yogis wird die Kunst des Versteckens ihres wahren Selbst gelehrt. Ein Schuster an der Straßenecke kann ein Sufi-Meister sein.

Dieser Sufi war ein Soldat (wie Sokrates, der barfuß in den Schnee marschierte, als er die „Grundsätze der Gegensätze“ meisterte). Der Sufi-Soldat befand sich mitten in einer Schlacht und es kam zum Nahkampf. Da er die Kunst der inneren Ruhe mitten in der Schlacht beherrschte (wie die wahren Meister aller orientalischen Kampfkünste), konnte er seinen Gegner leicht überwältigen, warf ihn zu Boden, setzte sich auf dessen Brust und war im Begriff, einen Dolch in sein Herz zu stechen. Der Gegner, in seiner Verzweiflung und Wut, spuckte plötzlich auf das Gesicht des Sufi-Soldaten. Dessen Hand blieb in der Luft hängen und rührte sich nicht.

„Worauf wartest du noch? Mach weiter! Töte mich!“ – schrie der besiegte Gegner.

Die Sufi-Soldat antwortete: „Hör mir zu, wie auch immer du heißt. Ich kenne dich nicht und du kennst mich nicht. Du erfüllst deine soldatische Pflicht und ich die meine. Jetzt hast du ihr eine persönliche Note gegeben, indem du in mein Gesicht gespuckt hast, und ich bin wütend geworden. Wenn ich dich in Wut schlage, wird dies kein Akt der Pflichtausübung sein. Es wird Mord sein.“

Maulana Rumi beendet die Geschichte hier.

Hatte Bhishma den Pandavas nicht geraten, auf welche Weise sie ihn töten? Haben sie sich nicht am Ende um ihn herum versammelt (Siehe das Buch des Autors „Bhishma“ von AHYMSIN Publishers, SR Sadhaka Grama, Virbhadra Road, Rishikesh) und hörten sie seine Lehren in den 20’000 Versen in der Shanti-parvan des Mahabharata?

Erfreuten sich nicht Krishna und Bhima in der Nacht der Gastfreundschaft des Palasts von Jarasandha und bekämpften ihn am Tag? Sie kämpften nicht aus Hass und Wut gegen eine Einzelperson, sondern nur aus dem Prinzip des Widerstands gegen Ungerechtigkeit.

Jetzt erzähle ich die zweite Geschichte.

Ein wandernder Sadhu hielt am Rande eines Dorfes an und kampierte in einer Tempelruine. Bald verbreitete sich die Rede von seiner Heiligkeit und die Dorfbewohner begannen sich um ihn zu versammeln. Eine Familie beschloss, ihn jeden Tag mit einem Abendessen zu beschenken.

Um ihren jungen Sohn der heiligen Gesellschaft auszusetzen, sandte das ältere Paar den Jungen jeden Abend mit dem Essen zum Sadhu.

Jeden Abend kam der Junge keuchend an, blass, voller Angst und Zittern.

Nach ein paar Tagen fragte der Sadhu ihn: „Sohn, was ist los mit dir? Jeden Abend kommst du verängstigt an“.

Der Junge erzählte dem Sadhu von einem verwunschenen Baum auf dem Weg aus dem Dorf. „Sir, jeder im Dorf weiß, dass ein Geist in diesem Baum lebt. Wenn ich am Baum vorbei gehe, jagt mir der Geist nach. Ich laufe schnell, rette irgendwie mein Leben und komme hier an.“

„Bist du sicher, dass es ein Geist ist und nicht irgendein Bösewicht?“ fragte der Sadhu.

„Oh, nein Sir. Jeder im Dorf kennt diesen verwunschenen Baum und den Geist.“
„Okay“, sagte der Sadhu. „Hier ist mein heiliges homa-Feuer. Ich habe Millionen von sehr wirksamen Feuergabe-Mantras gemacht. Seine Asche ist wirklich mächtig. Nimm dieses kleine Aschepaket und erinnere dich daran, nicht zu fliehen, wenn dich der Geist jagt. Denk daran, das, wovor du im Leben versuchst wegzurennen, das verfolgt dich. Wenn du dich dem Objekt der Angst stellst, kannst du sie besiegen. Wenn der Geist in deine Nähe kommt, nimm diese Asche in die Hand und wirf sie direkt in sein Gesicht. Der Geist wird weglaufen oder sogar ganz verschwinden.“

Am nächsten Tag kam der Junge zu dem Sadhu mit einem strahlenden Lächeln.

„Nun, mein Sohn, wie ist es mit dem Geist gegangen?“, fragte der Sadhu.

„Oh Swamiji, es war so wie Sie es gesagt haben. Als der Geist vom Baum kam, um nach mir zu jagen, wollte ich weglaufen. Doch dann erinnerte ich mich an Ihre Worte. Ich stand vor dem Geist, obwohl ich Angst hatte. Als der Geist sich mir näherte, nahm ich die heilige Asche in meine Hand und warf sie dem Geist ins Gesicht. Er lief weg. Er tat dies tatsächlich! Ich bin so glücklich heute.“

„Auch ich freue mich für dich, mein Sohn. Aber sag mir eine Sache. Bist du sicher, dass die Asche auf den Geist schlug und nicht auf jemand anderen?“

„Oh, nein, nein. Auf keinen anderen. Natürlich war es der Geist!“, sagte der Junge.

Der Sadhu steckte seine Hand unter die Matte, auf der er saß, zog einen kleinen Spiegel hervor und zeigte ihn dem Jungen im trüben Licht – und die Spuren des Aschewurfs lagen auf seinem eigenen Gesicht!

So ist es, wir bekämpfen „andere“ und dabei bekämpfen wir uns selbst. Wir müssen aufhören, dies zu tun.

Dieser Text wurde übersetzt aus Swami Vedas Buch Mind – Playground of the gods (Der Geist-Spielfeld der Goetter).

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