Das Essen und der Geist

Swami Veda Bharati

von Swami Veda Bharati

 

Der Geist und die Sinne haben eine sehr seltsame und paradoxe Beziehung. Der Geist denkt, dass wenn die Sinne befriedigt sind auch die Wünsche gingen oder sie sogar für immer verschwänden. Aber die Sinne sind ziemlich merkwürdig. Sobald sie ein „Erlebnis“ kosten, wollen sie es wegen des darin liegenden Vergnügens wiederholen, selbst wenn dieses Vergnügen nur vorübergehend ist. Dieses Vergnügen zentriert sich im Geist, der Geist wird süchtig nach diesem Erlebnis und sehnt sich nach Wiederholung. Sobald der Geist dem Verlangen der Sinne nachzugeben beginnt, wird er eher zum Sklaven der Sinne als zu deren Meister, was er eigentlich sein sollte. Ein Ergebnis ist, dass man zum Sklaven seiner Wünsche wird, Sklave des Verlangens nach Sinnenfreuden.

Die Zunge ist als Organ des Schmeckens das für Versuchungen anfälligste aller Sinnesorgane. Dei Zunge versklavt den Geist wie kein anderer Sinn. Wir alle wissen, dass der Hauptzweck von Nahrung darin besteht, den Körper zu nähren und zu erhalten, aber die Zunge will mit verschiedenen Geschmacksrichtungen experimentieren. Das Ergebnis ist offensichtlich. Die Lebensmittelindustrie ist heute eine Milliarden Dollar schwere Industrie.

Für die Menschen, die auf dem spirituellen Weg vorankommen möchten, ist die Disziplinierung der Geschmacksknospen sehr wichtig. Kleine Mengen von ausgewogenen und nahrhaften Lebensmitteln, die einfach und satwisch sind, tragen zur Strenge und Ruhe des Geistes bei. Rajasisches und tamasisches Essen, obwohl verlockend, sind auf Dauer nicht gut für die Gesundheit. Jedes Lebensmittel, das Reaktionen und Unruhe im Körper auslöst und schwer zu verdauen ist, ist sowieso nicht gut für die Gesundheit. Es fällt nicht leicht, Sadhana oder spirituelle Praktiken auszuüben, wenn der Körper sich unwohl fühlt, weil er seine gesamte Energie in die unteren Chakren leitet, zur Verdauung und Assimilation der Nahrung.

Als Empfehlung für spirituell Praktizierende sollte man, nach dem Verständnis seiner eigenen körperlichen Konstitution und Nahrungskapazität, gerade genug essen, um den Körper zu erhalten, und man sollte übermässiges Essen vermeiden. Die Nahrung sollte leicht und schnell verdaulich sein. Essen, das nicht leicht verdaulich ist oder das eigene Energiefeld stört, sollte vermieden werden. Seit jeher geht es in einer unnötigen geistlosen Debatte um Zwiebeln, Knoblauch, Vegetarier versus Nicht-Vegetarier, aber ausschlaggebend ist, dass – was auch immer man isst – die Portionen klein sein sollten, nahrhaft, ausgewogen und einfach. Ein spirituell Praktizierender sollte Alkohol und späte Mahlzeiten vermeiden, da sie das Wachstum von Sadhna hindern. Es ist gut, früh zu essen, da die beste Zeit für spirituelle Praktiken früh am Morgen ist, wenn die Luft- und Lärmbelastung sehr gering ist. Es wäre keine gute Idee, mit unverdauten Speisen und Magensäure aufzuwachen, das würde die Qualität der eigenen spirituellen Praxis stark beeinträchtigen.

Jeder auf dem spirituellen Weg muss sich über eine wichtige Tatsache bewusst sein, und zwar, dass wenn wir bewusst einem schädlichen Lebensstil nachgehen, dieser unser spirituelles Wachstum stark beeinträchtigt. Die Energie bewegt sich nur dann nach oben, wenn der Körper gesund ist und durchflossen von positiver Energie. Die Mehrheit der Menschen nimmt keine Rücksicht auf die Notwendigkeit, die Essgewohnheiten zu mässigen, um Fortschritte auf der spirituellen Reise erreichen zu können. Die Tradition des Fastens ist damit verbunden. Aber Fasten ohne das Verständnis des „richtigen Entschlusses“ dahinter, wird zu einem oberflächlichen Ritual. Wenn man während des Fastens den ganzen Tag nur ans Essen denkt, ist der eigentliche Zweck des Fastens unerreichbar. Beim Fasten essen viele Menschen am Ende mehr Obst und Süssigkeiten, sparen an Getreide und werden kranker. Es gibt auch diejenigen, die den ganzen Tag schlafen und fasten, und dann die ganze Nacht herumlaufen und essen.

Wir haben solche Gewohnheiten aus Bequemlichkeit heraus entwickelt. Der Zweck der Entwicklung von geistiger Entschlossenheit und von spirituellem Wohlbefinden, für die erfahrene Leute in fast jeder Gesellschaft solche Übungen eingeführt haben, ist ausgelöscht.

Die Kombination von Stille und Fasten sowie der geistige Entschluss, den ganzen Fastentag der Introspektion und Selbstverwirklichung während der Meditation zu widmen, führt zu einem Quantensprung auf dem spirituellen Weg. Das Wort „Vrata“ bedeutet wörtlich „sankalpa“ oder „sich lösen“ und nicht nur zu fasten.

Der legendäre Sufi-Dichter Kabir sagte, dass der Weg der spirituellen Reise ein virtuelles Klettern ist, so dass diejenigen die oben ankommen die Früchte der göttlichen Glückseligkeit finden und diejenigen, die ins Stocken geraten, herunterfallen und zerstört werden.

Artikel übernommen von www.swamivedablog.org, September 2011, und übersetzt ins Deutsche.

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