Die vergängliche irdische Welt

von Swami Rama

Swami Rama

Dies ist ein Auszug aus dem Buch “Über das diesseitige und das jenseitige Leben – Die Weisheit der Katha Upanishad” von Swami Rama (siehe Bücher von Swami Rama)

Der unveränderliche atman lebt in jedem Herz. Es ist die ewige Wahrheit. Ergründe dein Herz und du wirst ihn finden. Nachdem du ihn gefunden hast, wirst du die Realität nicht verlieren, weil du sie nicht verlieren kannst. Du wirst vielleicht das physische Selbst verlieren und mit ihm alle deine weltlichen Bindungen, aber du wirst erkennen, dass die Existenz wahr, göttlich und ewig ist. Derjenige, der sein atman verwirklicht hat, kriecht nicht über diese Erde, sondern gleitet majestätisch über sie, sicher in der Erkenntnis, dass er der stolze Besitzer des m- sterblichen Glücks ist. Auch wenn der Erwerb des Wissens um atman schwierig ist, ist es doch das einzige Ziel. Dieses Ziel kann sicherlich erreicht werden, wenn man sich danach sehnt und sich mit grosser Konzentration und Herzensreinheit auf die Suche begibt.

Auf der irdischen Ebene ist alles oberflächlich und vergänglich. Unsere Sinne täuschen uns so sehr, unser Geist ist so beschränkt und unser Intellekt so eng, dass wir an den Dingen der Welt kleben bleiben. Aber der Weise, dessen Vision die kleinmütigen Schmerzen und Vergnügen der Welt übersteigt, kann die Wahrheit in all ihrer Grossartigkeit jenseits der Vergnügen und des Schmerzes dieser Welt erkennen. Der atman manifestiert sich fortwährend durch den Körper, wenngleich er eigentlich unwandelbar ist. Derjenige, der um die Herrlichkeit des atman weiss, findet sich bereits im Königreich des Glücks und der Unsterblichkeit wieder. Er geniesst ewigen Frieden und Glück. Er hat sein atman erkannt und ist unsterblich geworden.

Der König des Todes sagt: „Er (der atman) ist jenseits der Worte.“ Diese ewige Wahrheit kann nicht allein durch das Studium der Schriften erlangt werden, obwohl alle heiligen Schriften verheissen, die höchste Wahrheit zu offenbaren. Sie sind bestenfalls nur ein Versuch, um die höchste Wahrheit zu beschreiben. Sie können Ausblicke geben, aber nicht die Realität in ihrer Gesamtheit erfassen. Man kann die Schriften jahrelang lesen, dies allein aber wird dem Suchenden nicht helfen, die Wahrheit zu erkennen. Man mag eine Vorstellung bekommen und einige Dinge vergegenwärtigen, aber die Vergegenwärtigung ist nicht die Verwirklichung. Worte allein können nicht die Realität des atman aufzeigen. Sie sind nur äussere Eindrücke unserer Gedanken, wenn wir nicht die absolute Realität erleben können. Wie können wir erwarten, dass Worte sie erreichen können? Wo die Gedanken enden, ist die absolute Realität. Gedanken bewegen sich immer auf der Ebene der Relativität. Gedanken beziehen sich auf unser Ich-Bewusstsein oder Ego. Wenn es keinen Denkenden gibt, gibt es keine Gedanken. Gedanken sind nichts als Produkte des Ego; die Dinge dieser Welt sind Gedanken des kosmischen Geistes. Sonne, Mond und Sterne etwa sind nicht von beschränktem Geiste, sondern die Gedanken des kosmischen Geistes. So sind alle Schriften dieser Welt nicht in der Lage, die wahre Natur der absoluten Wahrheit zu offenbaren. Wenn das Studium der Schriften aleine die Wahrheit offenbaren könnte, würden die, die sie studieren, sie schon längst erkannt haben.

Der wissenschaftliche Ansatz kann uns weit auf der Strasse des Wissens fuhren, aber es gibt eine Grenze, über die er nicht hinausgeht. Jeder intellektuelle Versuch, das Reich der absoluten Wahrheit zu erklären, ist nur ein Wortspiel. Zugang zum atman kann nicht durch den Intellekt, sondern nur durch ein gereinigtes Herz erlangt werden, das von intensivem Streben und einem konzentrierten Geist durchdrungen ist. Im Verlauf der kosmischen Evolution wurde der Menschheit ein Führer gegeben, den wir Verstand nennen. Wenn der Verstand zu dem innersten Selbst eines Menschen spricht, kennt er den wahren Wert seiner Wünsche und Gedanken; er kennt das Ziel des Lebens. Auf dem Weg der Verwirklichung ist der Verstand ein guter Begleiter, eh königlicher Führer und ein weiser Ratgeber. Der Verstand ist das Licht in der Finsternis, aber er ist hilflos ohne das Wissen – das Wissen des Selbst (atman) und des Nicht-Selbst (an-atman). Das Wissen des atman und an-atman ist die erste Stufe der Selbstverwirklichung. Sofern die Fähigkeit des Unterscheidungsvermögens nicht gestärkt wird, ist nichts möglich.

Wahrheit, Güte, Gerechtigkeit und Liebe sind von geringem Nutzen, wenn die Fähigkeit zur Unterscheidung fehlt; dies käme einem Soldaten gleich, der unbewaffnet ins Schlachtfeld zieht. Der Gelehrte, der sein Unterscheidungsvermögen nicht entwickelt hat und andere anfuhren will, ist wie ein Blinder, der Blinde fuhrt. Das Licht der Unterscheidungskraft ist ein starker Führer im Leben eines Suchenden. Gott hat diese wunderbare Fähigkeit den Menschen geschenkt, so dass wir in ihrem Licht nicht nur Gott verehren, sondern zugleich in uns unsere Schwächen und Stärken sehen. Gesegnet sind die, denen Gott die Kraft des Unterscheidungsvermögens gegeben hat. Die grossen vedischen Seher haben gezeigt, dass alleine durch reines Bewusstsein das allumfassende Wissen möglich wird.

Die Menschen kämpfen und streben danach, Reichtum, Macht und Besitz anzusammeln. Dieses ist jedoch ohne Bedeutung für einen sterbenden Menschen, wenn das Vergessen beginnt. Wenn er stirbt, wird alles von ihm schwinden wie in einem Traum. Ein reicher Mann, der sein ganzes Leben lang Reichtümer hortet, trägt seine Leidenschaft für Gold auch nach seinem Tod mit sich. Obwohl er nicht dieselbe Substanz nach seinem Tod finden wird, wird dieses exzessive Verlangen weiter in ihm brennen, und er wird leiden, da er es nicht in eine materielle Form verwandeln kann. Denn wie kann jemand das Vergnügen eines Tanzes geniessen, wenn es keinen Tanz gibt? Solch ein Zustand der Existenz ist nicht besonders vergnüglich. Es ist darum wichtig sich zu erinnern, dass ein solcher unangenehmer Zustand durch unser Verlangen entsteht. Unsere weltlichen Begierden verankern sich in den tiefsten Spalten unseres Geistes, und wir tragen ihre Last noch nach unserem Tod mit uns. Aber all die materiellen Objekte, alle körperlichen Formen unseres Verlangens, durch die wir uns belohnen, müssen in dieser Welt zurückbleiben.

Die meisten von uns denken nicht an die Realität und vergeuden so wertvolle Lebenszeit. Im Allgemeinen leben wir in den Gedanken der Vergangenheit und der Zukunft. Wir missbrauchen unsere Gegenwart, indem wir durch die Wiederbelebung der toten Vergangenheit und durch die Vorstellung von einer ungewissen Zukunft dumm handeln. Wir sind nicht achtsam und weise in unserem Verhalten, da wir nicht wissen, dass das Leben nichts als Zeit ist. Diejenigen, die sich nicht jetzt auf die Gegebenheiten vorbereiten, die vielleicht in der Zukunft oder im Leben nach dem Tod eintreten, sind dumme Menschen, die ihr Grab mit den eigenen Händen schaufeln. Nur nach der Selbstverwirklichung kann man das Geheimnis des diesseitigen und des jenseitigen Lebens aufdecken. Nach der Verwirklichung erscheint unser hiesiges Universum wie ein Traum, und der Körper ist wie eine Gefängniszelle.

Der Weg des Wissens ist der Weg der göttlichen Liebe. Liebe, die sich nicht jeden Tag erneuert, wird zu einer blossen Gewohnheit und verkommt zur Sklaverei. Wahre Liebe ist mehr als weltliche Liebe.

Wahre Liebe ist göttlich und Liebe zu Gott. Wenn der Suchende beginnt, den Höchsten zu heben, beginnt sich die göttliche Liebe zu manifestieren. Die menschliche Liebe ist eine Reflektion der göttlichen Liebe und manifestiert sich durch die Sinnesebene. Die Unzulänglichkeiten der Sinnesebene verzerren die göttliche Liebe, und deshalb sind wir so verwirrt und werden unfähig, zwischen göttlicher Liebe und menschlicher Zuneigung oder Bindung zu unterscheiden. Wir verwechseln oft das eine mit dem anderen und laden uns so all das Leid und all die Sorgen der Welt auf.

Menschliche Liebe unterscheidet sich sehr stark von der Liebe zu Gott. Wenn menschliche Liebe und die Liebe zu Gott oder dem Göttlichen ein und das gleiche wären, gäbe es keinen Schmerz und Leid auf dieser Welt, weil jeder Mensch in sich ein gewisses Mass an Liebe für etwas trägt. Während menschliche Liebe schwindet und statisch wird, produziert göttliche Liebe ewige Freude. Da sich alle weltlichen Objekte verändern, wandelt sich auch unsere Liebe für sie. Wenn wir unseren Geist von den Objekten der Welt zurückziehen und alleinig auf Gott lenken, erkennen wir, was die höchste Form der Liebe ist. Wir können diese Liebe erlangen, wenn wir eine Sehnsucht nach ihr kultivieren. Tiefe Sehnsucht ist der Weg zur Gottesverwirklichung, da solche Sehnsucht nie unerfüllt bleibt.

Aber man kann die göttliche Liebe nicht erlangen, solange man nicht mit seinem Unterscheidungsvermögen erkannt hat, dass diese Welt aus sich stets verändernden Namen und Formen besteht. Derjenige, der die Natur der physischen Welt kennt, hat deren Gesetze verstanden; sobald diese gelernt worden sind, verlieren alle weltlichen Reize ihren Wert. Wie wertvoll weltliche Güter auch immer von einer materialistischen Warte sein mögen, sie werden bedeutungslos, wenn uns die Sehnsucht nach der höchsten Wahrheit belebt. Weltliche Dinge werden uns immer hinabziehen, es sei denn, wir besitzen die Kraft des Unterscheidungsvermögens, der Entsagung und der Nicht-Identifikation. Diejenigen, die der Welt entsagt haben, taten dies, weil sie erkannten, dass Verwandte, Freunde und Besitz Hindernisse auf dem Weg zu spiritueller Verwirklichung sind. Wenn die Entsagung eintritt, wenn der Entschluss felsenfest wird, verlieren alle unseren äusseren Bindungen ihre individuellen Eigenheiten und verschmelzen in unserer Identifikation mit Gott. In solch einem Geisteszustand taucht alles um uns herum in Göttlichkeit. Für denjenigen, der die Realität der Dinge im Lichte Gottes sieht, verschwindet die materielle Welt mit all ihren Bindungen und Reizen.

Das grosse Gespann des Lebens wird zu einem Traum.

Jedoch ist ein Traum genauso real wie der Wachzustand, es sei denn, wir wachen auf. Es ist schwierig, den Wachzustand zu erreichen, solange wir im Traum der Unwissenheit sind. Aber es kommt eine Zeit in jedem Leben, wenn derjenige fühlt, dass alles, was er bislang erlebt hat im Leben, entschwindet wie ein Traum und nur eine Wolke von Eindrücken hinterlässt. Diejenigen, die das Unglück arg heimgesucht hat, können die klare Unterscheidung zwischen dem Wachzustand und dem Traumzustand des Lebens besser verstehen. Die Hiebe des Schicksals dienen als Lehrer und Freude für diejenigen, die weise sind. Während die angenehmen Dinge des Lebens uns in unserem vergnüglichen Traum einlullen, weckt uns das Schicksal auf zur Wahrheit der Realität.

Ein Wissen, das uns weder den wahren Wert der Dinge lehrt, noch uns aus den Bindungen dieser Welt befreit, ist kein wahres Wissen, da solch ein Wissen der Wahrheit nie nahe kommt. Es gibt verschiedene Stufen des Wissens. Die Erscheinung der Welt, Sprache und Handlung sind niemals grösser als wir selbst. Der atman ist unser letztes Haus, unsere Augen sind dessen Fenster und die Sprache ist dessen Bote. Das Wissen, das auf Sinneswahmehmungen beruht, ist nicht sein vollständiger Ausdruck. Das Wissen, das uns zum Führer wird, kommt aus der Tiefe des Bewusstseins, das durch Unterscheidungsvermögen bereichert ist. Solch ein Wissen wird zum treuen Begleiter, der einen nie verlässt. Die Realität kann nicht ohne die Hilfe unterscheidenden Wissens erkannt werden, und dieses Wissen kann nicht ohne die Reinheit des Geistes erworben werden.

Sofern man nicht sein Herz und seinen Geist schult und reinigt, kann man die Realität nicht erkennen. Falls auch nur die geringste Sehnsucht nach materiellen Dingen bleibt, kann man das Göttliche nicht erfassen. Man bleibt an die Erde gefesselt. Derjenige, der voller Verlangen ist, muss es erst befriedigen und sich von ihm durch dessen Erfahrung befreien. Derjenige, der ausreichend Erfahrung gewonnen hat, wird kein Sklave seines Begehrens sein, indem er neuen Freuden hinterher läuft. Weise ist derjenige, der seinen Geist von weltlichen Verführungen und unkontrolliertem Verlangen abwendet und auf die Selbstverwirklichung richtet. Wenn wir tief in uns eintauchen und ruhig und ausgeglichen sind, erfahren wir, dass das Leben nicht bloss ein Traum ist, sondern das es ein Ziel hat, das verwirklicht und umgesetzt werden muss. Wir sind auf diese Erde gekommen, um diese Absicht zu verwirklichen und unser höchstes Ziel zu erreichen. Derjenige, der im Stillen über sein Ziel und sein Selbst nachdenkt und darüber nachsinnt, was und wieviel er erreicht hat, kennt den wahren Wert des Lebens. Keiner kann etwas vor seinem eigenen Selbst verborgen halten. Alle von uns sind ihre eigenen Herren. Wir müssen uns erlösen, indem wir unsere eigenen Erlöser werden. Wenn wir erlauben, dass kleinliche Dinge unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen und unsere geistige Ruhe stören, versperren wir uns die Möglichkeit, das Höchste zu erfahren. Derjenige, der seinen Geist beständig wie einen Fels gestaltet hat und unbewegt von den Stürmen des Lebens bleibt, erreicht das nötige geistige Gleichgewicht, um sein Ziel im Leben zu erreichen. Die Schwachen sind nicht geeignet, um das Königreich des Himmels zu betreten, denn sie werden von jeder Windböe, jeder Leidenschaft, jedem Verlangen und Ehrgeiz hin- und hergeweht. Nur die, die von Sturm und vom Toben der Welt unbewegt bleiben, werden am Ende siegreich sein.

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