Ego, Unterscheidungsfähigkeit, Bewusstsein

von Swami Rama

Swami Rama

Dies ist ein Auszug aus dem Buch “Sadhana – Spiritualität im täglichen Leben” von Swami Rama (siehe Bücher von Swami Rama)

Ego

Wer sich auf den Weg der Selbstverwandlung begibt, sollte sich der Gefahren des Egoismus bewusst sein. Audi wer die grossen Tugenden der Wahrhaftigkeit und der Gewaltlosigkeit übt, kann damit sein Ego nähren. Das sich auf die Spiritualität beziehende Ego ist feiner und verletzlicher als das Ego, das auf weltlichen Erfolg gerichtet ist.

In der Zeit der Suche kann es geschehen, dass der Schüler zu intellektuell wird und sahaja-bhava (die spontane Intuition) ignoriert; andererseits kann es sein, dass er zu emotional wird und die Vernunft ignoriert. Ein emotionaler Trip ist genauso gefährlich wie ein intellektueller – beide nähren das Ego.

Ein Mensch wird zum Sklaven seines Egos, wenn er über selbstsüchtige Ziele nachdenkt. Eine selbstsüchtige Person verweilt im Zustand des Zweifelns, da ihr Bewusstsein sie ständig an ihre falsche Haltungen erinnert. Einerseits wird sie durch ihre selbstsüchtigen Wünsche angezogen und auf der anderen Seite durch ihre innere Stimme gewarnt. Sie wird durch diese beiden Kräfte zerrissen.

Verurteile dich niemals und auf keinerlei Weise. Lenin, dich selbst wertzuschätzen, aber achte darauf, dass du dein Ego nicht nährst. Es ist dein Erzfeind auf dein Weg, gleichwohl kann es mit einiger Anstrengung gereinigt werden.

Anerkenne deine Schwachpunkte, lass die Kraft der Unterscheidung dein Ego beraten und triff einen starken Entschluss, deine Schwächen zu überwinden. Während du an der Beseitigung deiner Schwächen arbeitest, musst du ausserordentlich wach sein. Das Ego wünscht nicht, mit seinen Schwächen konfrontiert zu werden. Je mehr du deine Schwächen verbirgst, desto stärker wachsen sie. Erinnere dich stets selbst daran, dass du dich auf dem Weg der inneren Reinigung und Selbsterkenntnis befindest. Das erfordert grossen Mut. Sei standhaft in diesem inneren Kampf und unterstütze deinen atman, selbst wenn du dafür dein Ego und seine verborgenen Seiten bloss stellen musst.

Ein Mensch ist elend, wenn er daran scheitert, seine inneren Fähigkeiten zu entfalten und zu nutzen. Um sein inneres Potenzial zu entfalten, muss er sein Ego reinigen oder es der höheren Realität unterwerfen. Nachdem er die Sklaverei gegenüber seinem Ego aufgekündigt hat, kann er sich über die Begrenzungen des Körpers, der Sinne und des Geistes erheben.

Nur eine gründliche Methode der Meditation kann helfen, das Ego zu reinigen. Ein gereinigtes Ego entwickelt keine Hindernisse.

Durch gewissenhaftes Üben kann man die Konzentration des Geistes erreichen, die Wahrheit sprechen und anderen dienen. Aber man kann die Wahrheit nicht erkennen, solange man sein Ego nicht dem höheren Selbst hingegeben hat. Erst wenn man sich über die egozentrische Aufmerksamkeit erhebt, kann man das Universum im Inneren finden. Erst dann kann man lernen, alle Menschen zu lieben und niemanden auszuschliessen. Jemand, der nicht seine Mitmenschen licht, kann um alles in der Welt auch Gott nicht lieben.

Menschen leiden wegen der Unterschiede und der Ungleichheit, die aus dem Ego entstehen. Sie diskriminieren ihre eigenen Brüder und Schwestern wegen ihrer Kasse, Religion, Kaste oder ihrer Hautfarbe. Um von diesen Problemen frei zu sein, genügt allein eine politische Vereinbarung nicht.

Erst wenn alle Menschen verstehen, dass ihr Leiden durch das Ego erzeugt worden ist, werden sie ihre sämtlichen Differenzen lösen. Sie werden alle Beschränkungen der Rasse, der Kaste, der Religion und der sektiererischen Gefühle überwinden. Anstatt sich selbst mit einzelnen Gruppen oder Gesellschaften zu identifizieren, werden sie sich allen Menschen zugehörig fühlen. Sie werden alle Menschen lieben als Mitglieder ihrer eigenen Familie.

Das Ego ist sehr nützlich. Es hilft dir, in der äusseren Welt zu handeln. Doch ist es nicht sehr hilfreich, wenn es um ein tieferes Glück geht. Es ist das Ego, das dich von der höheren Wirklichkeit, von der Wahrheit, von der höchsten Quelle trennt.

Der wichtigste Schritt auf dem Weg der Selbsttransformation besteht darin, sein Ego aufzugeben, es der höheren Wirklichkeit zu unterwerfen und dadurch das Licht der Unterscheidungsfähigkeit und des reinen Glaubens zu erlangen.

Sobald sich das Ego der höchsten Wahrheit hingibt, hast du einen Sieg errungen und die spirituelle Erleuchtung gehört dir. Unmittelbar nach dem Sieg über dein Ego entfalten sich alle anderen Tugenden wie z. B. Sanftmut, Liebe, Selbstlosigkeit, Mitgefühl und Freundlichkeit ganz spontan. Diese Tugenden sind Voraussetzungen für Selbstverwandlung. Wenn sie zum Blühen gebracht werden, wird ein Mensch zu einem Heiligen. Die heiligen Qualitäten senden eine stille Einladung an den Herrn des Lebens.

 

Unterscheidungsfähigkeit

Manas (diejenige alltägliche Fähigkeit des Geistes, uns in der äusseren Welt zu orientieren und die Sinneswahrnehmungen und Handlungsplanung sinnvoll aufeinander abzustimmen, um in der äusseren Welt handeln zu können) ist nicht das geeignete Werkzeug, um nach der Wahrheit zu suchen. Das Herz ist dafür ebenfalls nicht zuständig. Nur buddhi (Intellekt), die Fähigkeit der Unterscheidung, ist qualifiziert, dich zu führen. Wenn buddhi, der feinste Aspekt des antahkarana (inneres Instrument, Oberbegriff für die Gesamtheit unserer geistigen Fähigkeiten bzw. Instanzen, bestehend aus buddhi, manas, ahamkara und chitta) geschärft und eine Koordination zwischen buddhi und den verschiedenen Aspekten des Geistes aufgebaut wird, kann man einen vollkommenen und geordneten Geist erlangen. Wenn ein solcher Geist mit der Kraft der Gefühle koordiniert wird, ist er fähig, in die tieferen Ebenen deines Seins einzutauchen.

Als Mensch hast du einen grossen Schatz an Wissen geerbt. Zu diesem Schatz erlangst du den Zutritt nur dann, wenn der Geist einpunktig gemacht und nach innen ausgerichtet wird. Jenseits von manas befindet sich der Intellekt (buddhi). Die Kraft des Intellekts lenkt die Funktionen des Geistes.

Anders als manas, der sich beständig in einem Zustand des Zweifels befindet, ist buddhi mit der Kraft der Unterscheidung und Entscheidung begabt. Der Geist, der vollständig durch die höhere Fähigkeit des Unterscheidungsvermögens geleitet wird, ist ein grossartiges Instrument, um Frieden und Glück zu erlangen. Du solltest dich aber daran erinnern, dass ein zerstreuter Geist niemals auf den Intellekt hört. Der Intellekt kann nur einen einpunktig ausgerichteten Geist führen. Daher besteht die bedeutsamste Stufe der spirituellen Praxis darin, den Geist einpunktig zu machen, so dass er durch die als Intellekt bezeichnete Entscheidungsfähigkeit gelenkt werden kann.

Die Unterscheidungsfähigkeit ist die grösste aller wertvollen inneren Kräfte. Mit Hilfe von Kontemplation und Meditation sollte man diese Kraft entfalten und lernen, rechte Handlungen von unheilvollen zu unterscheiden.

Man sollte die Fähigkeit der Unterscheidung nutzen, um seine inneren Zustände zu analysieren. Wir sollten aber nicht zulassen, dass die Erkenntnis unserer Stärken und Schwächen unser Ego nährt oder uns zur Selbstverurteilung verleitet. Der Zweck der inneren Analyse besteht ausschliesslich darin, die guten Qualitäten zu entfalten und die Schwächen zu beheben.

Wem die Kraft der Unterscheidung fehlt, der vollzieht seine Handlungen, ohne ihrer Folgen gewahr zu sein. Meistens wird er von seinen Wünschen, seinen Launen und seinen primitiven Bedürfnissen umgetrieben. Gewöhnlich weiss er nicht einmal, was Wahrheit ist, und selbst wenn er es weiss, scheitert er daran, sie in Gedanken, Worten und Handlungen anzuwenden.

Ohne vollkommenen Glauben an die höhere Wirklichkeit kann der Mensch keine Befreiung von seinen Ängsten und Unsicherheiten erlangen. Ohne Unterscheidung und Glauben kann er zwar handeln, doch verbleibt er in einem dauernden Zustand des Zweifels.

Solange nicht diese beiden Prinzipien – Unterscheidung und Glauben – voll entfaltet sind, kann man nicht über die Sphären von manas und des Ego hinaus wachsen. Man kann nicht spontan erkennen, was richtige Handlungen sind und seine Handlungen nicht mit ganzem Herzen ausführen.

Wer der Stimme der inneren Seele lauscht und angeleitet durch die Unterscheidungsfähigkeit handelt, der wächst über die egozentrische Wahrnehmung hinaus. Er erlangt Voraussicht und die Kraft der Unterscheidung leitet ihn auf den Weg der Rechtschaffenheit.

Durch ununterbrochenes Üben von Meditation und Kontemplation erlangt man eines Tages Erleuchtung. Das ganze Leben wird dann durch die Kraft der Unterscheidung und durch Glauben gelenkt und man tritt ein in das Königreich des ewigen Herzens.

 

Bewusstsein

Das Wort Bewusstsein tritt in der modernen psychologischen und philosophischen Literatur häufig auf. Es wird verwendet für atma jnana, das direkte Wissen, das wir durch unseren atman erlangen. Jiva atma meint die individuelle Seele und param atma ist reines Bewusstsein.

Aus dem Zentrum des Bewusstseins strömt die Lebenskraft in unterschiedlichen Graden und auf unterschiedlichem Niveau. Mit dem folgenden Vergleich wird das nachvollziehbar. Wenn eine Lampe viele Verhüllungen hat, ist das Licht nur sehr schwach. Wenn du eine der Hüllen nach der anderen wegnimmst, dann wirst du schliesslich das Zentrum des Lichts finden.

In gleicher Weise ist die Seele das Zentrum des Bewusstseins. Das Licht, das manas, chitta, buddhi und ahamkara und dann auch die Sinne erhellt, wird Bewusstsein genannt. Das ist das Licht des Wissens, das von seiner Quelle ausgeht, dem Ursprung von Licht und Leben, dem atman.

Ich bin der festen Überzeugung, dass das allgemeine Niveau des Bewusstseins hier, in diesem irdischen Leben, in dem die Gegensätze aufeinander stossen, angehoben werden kann. Die Entwicklung der Intelligenz, der physischen Kräfte und der moralisch-ethischen Grundsätze sind für das Wachstum und die spirituelle Entfaltung eines Menschen in gleicher Weise wichtig.

Was dem Menschen entgegensteht, ist sein Geist und die Mauer, die durch seine individuellen Gewohnheiten und durch oberflächliche Konventionen aufgerichtet wird; im Übrigen ist der Mensch vollständig.

Was am Menschen einmalig ist, ist die Entwicklung des Bewusstseins, das schrittweise die Erkenntnis ausdehnt und vertieft, unsterblich zu sein, grenzenlos, ewig und vollkommenen.

 

Gebet

Viele meditierende Schüler denken, es sei nicht nötig zu beten, weil sie nicht verstehen, was ein Gebet ist. Warum hast du aber das Bedürfnis zu beten?

Vom Morgen bis zum Abend betest du: „Herr, gib mir dieses, gib mir jenes.“ Was tust du dabei wirklich? Du nährst dein Ego, was eine schlechte Gewohnheit ist. Das nennt man ein egozentrisches Gebet. Menschen, die von ihren Wünschen und Begehrlichkeiten umgetrieben werden, sind als Opfer ihrer egozentrischen Gebete wahrhaftige Bettler geworden.

Bete in deiner eigenen Sprache zum Herrn des Lebens, der im innersten Raum deines Seins wohnt. Er kennt dich besser als irgendjemand sonst. Er führt dich, beschützt dich und hilft dir.

Bete zum Herrn des Lebens in deinem Herzen, dir Stärke und Weisheit zu geben, so dass du das Leben von allen Perspektiven aus verstehen kannst.

Es ist wichtig, zweimal täglich, morgens und abends, zu beten. Ein Gebet ist eine Bitte um zusätzliche Energie für deinen Fortschritt. Zu wem betest du? Gott ist die Quelle aller Energien, das Zentrum, das Kraftwerk von Licht, Leben und Liebe. Durch Gebet können wir Zugang zu diesem Kraftwerk finden und die Energie für die Ausdehnung unseres Geistfeldes und des Horizonts unseres Bewusstseins bekommen.

Du betest zu einem, der weder Körper noch Atem noch Geist ist, der sich vielmehr jenseits aller Sterblichkeit befindet, dessen Kern in dir liegt und dessen Ausdehnung das ganze Universum ist. Es gibt nur eine einzige existierende absolute Realität und die existiert auch in dir.

Du möchtest eine höhere Kraft erreichen und berühren, die du Gott nennst. Du machst deinen Geist einpunktig mit einem Verlangen, das dich motiviert zu beten.

Ganz aufgegangen in dein Verlangen nach einem Gebet wird dein Geist still. Wenn der Geist still ist, dann enthüllt sich die Grosse Majestät deinem Geist von selbst und der Zweck deines Gebetes ist erfüllt.

Es gibt viele Stufen des Gebets. Die erste besteht darin, einige mantras zu sprechen und diese dann mental zu memorieren. Dann warte darauf, eine Antwort zu empfangen. Jedes Gebet wird beantwortet.

Wenn du zu meditieren lernst, indem du deinen Körper in eine ruhige und stabile Haltung bringst, den Atem sanft werden lässt und den Geist von aller Unruhe befreist, dann wird dich das in einen Zustand von innerer Erfahrung hineinführen. Du kommst in Berührung mit etwas Höherem und erlangst Wissen, das nicht vom Geist herkommt, sondern von jenseits davon, aus dem tiefen Inneren.

Du solltest mit dem Gefühl zu meditieren lernen, dass der Körper ein Schrein ist und dass der darin Wohnende, der Herr des Lebens, Gott ist. Der Geist ist ein sadhaka (Übender, spirituell Suchender) und er lernt, seine Gewohnheiten, Arbeitsweisen und Waffen zu unterwerfen, indem er sagt: Ich vermag nichts. Meine Fähigkeiten sind begrenzt. Hilf mir Herr und gib mir Kraft, damit ich alle Probleme unerschrocken lösen kann, ohne zerdrückt zu werden wie ein Klumpen Lehm oder einzustürzen wie ein Kartenhaus bei blosser Berührung.

Auf diese Weise entwickelt der Geist die Gewohnheit, auf den Herrn des Lebens zu bauen, anstatt sich auf das „blosse Ich“ zu verlassen. Das „blosse Ich“ ist das Ego und das „wahre Ich“ ist „Gott im Inneren“. Dieser nach innen gerichtete Prozess ist Meditation mit Gebet. Alle anderen Gebete sind vergeblich, eingehüllt in Wünsche und Verlangen, gefärbt durch Selbstbezogenheit. Sie dienen nur dem Zweck, dem Ego zu gefallen.

Bete niemals für etwas Selbstbezogenes. Bete zum Herrn, so dass dein Geist Energie erhält und der Herr dich motiviert, das zu tun, was für dich und andere das Richtige ist. Was durch kein anderes Mittel vollbracht werden kann, das kann durch Gebet erreicht werden. In der Bibel gibt es einen wunderbaren Vers: „Klopfet an und es wird euch aufgetan.“ Es steht dort aber nicht, wie oft man anklopfen muss.

Gebet und Reue sind die besten Mittel, die den Lebensweg reinigen und zur Selbstverwirklichung führen. Gebet ohne Reue hilft nicht viel.

Gebete werden immer beantwortet; bete daher mit gesammeltem Geist und ganzem Herzen.

 

Das spirituelle Herz

Man sagt vom Menschen, dass er drei Herzen habe. Das eine ist das physische; es kann mit dem Messer des Chirurgen seziert werden. Das psychische Herz ist dasjenige, das durch einen wohlgeordneten Geist gelenkt wird. Das spirituelle Herz kontrolliert beide, Herz und Geist. Es unterliegt weder Trübsal noch Schmerz oder Elend.

Im menschlichen Körper gibt es zwei Hemisphären – die untere und die obere – und sieben Sphären. Was die beiden Hemisphären miteinander verbindet, wird anahata chakra genannt. Das ist das spirituelle Herz. Es befindet sich im Raum zwischen den beiden Brustwarzen.

Dieses chakra wird durch zwei ineinander geschobene Dreiecke symbolisiert. Das nach oben weisende Dreieck steht für das menschliche Streben und das nach unten gerichtete Dreieck steht für die Gnade Gottes oder die herabsteigende Kraft. Das nach oben gerichtete ist die aufsteigende Kraft. Zusammen bilden sie einen Stern. Die jüdische Tradition nennt ihn den Davidstern, die christliche Tradition nennt ihn das Kreuz des heiligen Herzens und die Hindu-Tradition spricht vom anahata chakra. Wenn der Geist auf das spirituelle Herz ausgerichtet ist, erlangt er einen Zustand tiefer Konzentration.

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