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Von Kindesbeinen an werden wir darin trainiert, Dinge in der äusseren Welt zu sehen, zu untersuchen und zu erkennen. Initiiert zu werden bzw. ein Mantra zu erhalten, ist ein Schritt, den Blick nach innen zu richten, nach innen zu schauen. Es ist keine religiöse Zeremonie. Verwechsle ein Mantra oder die Meditation nicht mit Religion, sie sind etwas vollkommen anderes.

Ein Mantra ist ein Klang, eine Silbe oder eine Reihe von Klängen. Es kommt nicht auf seine Bedeutung an, sondern auf seine Schwingungen. Es bietet dem Geist einen Konzentrationspunkt und hilft dir, deiner inneren geistigen Zustände bewusst zu werden. Es ist ein Weg, dein eigenes Selbst zu erkennen und deine inneren und äusseren Welten auf einander abzustimmen.

Das Mantra ist ein Freund, der dem Geist hilft, einpunktig zu werden und der den Schüler in einen tiefen Zustand der Stille hineinführt, in das Zentrum des Bewusstseins im Inneren. Es ist eine spirituelles Saatkorn, das in den Boden des Selbst gesät wird. Es ist ein therapeutischer Begleiter, der dich durch unterschiedliche Ebenen des Seins und letztlich zur Einheit von individuellem und kosmischem Bewusstsein führt. Das Mantra ist ein wichtiges Hilfsmittel auf dem Weg der Selbst-Erleuchtung. Sei ermutigt, regelmässig zu meditieren, das Mantra zu erinnern und es zu einem Teil deines Lebens zu machen.

Wenn du meditierst, übe mit deinem Mantra still und bewusst. Zu anderen Zeiten kannst du es bewusst oder unbewusst benutzen. Nach einiger Zeit wirst de bemerken, dass dein Matra in deinem täglichen Leben führt.

Swami Rama von dem Himalaya

Swami Veda Bharati

 

Raja Yoga, der königliche Pfad, ist der vollständige Yoga, so wie er in den Yoga Sutras des Patanjali gelehrt wird, auf das sich selbst die bedeutendsten Vertreter des Hatha Yoga beziehen, wie z.B. Svatmarama. Interpretiert, in der Praxis erweitert und auf dem Weg experimenteller und initiatorischer Führung überliefert, wird dieser königliche Yoga als die Himalaya-Tradition bezeichnet. Ohne eine solche lebendige Überlieferung, wie sie die Himalaya-Tradition bietet, kann Patanjali nicht verstanden werden. Die erste Form der Weitergabe der Tradition an Schüler ist ein Mantra, eine Klangeinheit als Gegenstand der Konzentration.

 

Das Wort “Mantra”

Das Wort “Mantra” steht in Verbindung mit dem englischen Wort “man” und mit den englischen Wörtern “mind” [dt. “Geist” oder “mentale Fähigkeit”] und “mental” [dt. “geistig” oder “mental”], die vom lateinischen Wort “mens” (mind) abgeleitet sind. Das Wort “mens” geht seinerseits auf das griechische Wort “menos” zurück. “Menos”, “mens”, “mental”, “mind” und das englische Wort “man” [sowie im Deutschen “mental”, “Mann”, “Mensch” und das deutsche unpersönliche “man”] sind sämtlich abgeleitet von der Wurzel des Sanskritverbs “man”, was wörtlich “meditieren” bedeutet. Der “Mensch” ist damit sprachlich gesehen ein Geschöpf, welches “meditieren” kann. Er hat einen “mind” (Geist), mit dem er meditiert, und er konzentriert sich zum Zwecke der Meditation auf ein Wort, ein “Mantra”. In Indien und anderen Teilen Asiens ist ein Mantra so zentral und in der gesamten Kultur von so großer Bedeutung für das Leben eines Menschen, dass jemand ohne Mantra vergleichbar ist mit Dahl [ein beliebtes indisches Linsengericht, das bei fast keiner Mahlzeit fehlen darf ] ohne Salz. Irgendetwas fehlt. Ein Mensch ohne Mantra ist unvollkommen.

 

Was ist ein Mantra?

Ein Mantra ist ein Wort oder eine Reihe von Wörtern, es ist ein Gedanke; es ist ein Gebet, jedoch nicht in dem Sinne, in dem das Wort Gebet im Allgemeinen benutzt wird; vielmehr ist es eine Art von Bindeglied zwischen unserem Alltagsbewusstsein und unserem höheren Bewusstsein, welches wir göttliches Bewusstsein oder göttliche Lebenskraft nennen. Ein mantra ist eine Klangeinheit und eine Gedankeneinheit. Es ist ein Klang oder eine Reihe von Klängen, die einem Schüler für einen besonderen spirituellen Zweck zur ständigen Erinnerung aufgegeben werden. Auf der inneren Landkarte unseres Bewusstseinsfeldes nimmt die Energie des Bewusstseins zwei verschiedene Formen an: Klang und Licht. Auf einer bestimmte Ebene werden die Klang- und die Lichtenergie miteinander verbunden und vereinigt. Auf der gegenwärtigen Stufe unserer Entwicklung werden sie als voneinander unterschieden wahrgenommen und deshalb beginnen wir hier mit dem Klang eines Mantras. Die Initiation in das Licht folgt etwas später.

Für den Anfang gilt es, zwei Aspekte des Mantras zu verstehen. Der eine Aspekt ist, dass es sich um eine Kombination von Silben handelt, die einen Klang hervorbringen, der wiederum eine bestimmte Wirkung auf den Geist erzeugt, und das vor allem dann, wenn das Mantra mental wiederholt wird. Der zweite Aspekt ist die Bedeutung des Mantras.

 

Die Wirkung eines wiederholten Klangs

Die Theorie vom Mantra beruht auf dem Prinzip, dass die Klänge, die Buchstaben, die Silben des Alphabets die Kraft für bestimmte psychische und mentale Schwingungen in sich tragen. Jede Silbe enthält einen besonderen Strahl von Bewusstsein. Wenn du an einzelne Buchstaben oder an Kombinationen von Buchstaben denkst, so erzeugen sie bestimmte Gedanken, bestimmte mentale Schwingungen. Es gibt eine gewisse Beschaffenheit, einen gewissen Geschmack des Klangs. Das Denken eines Wortes ist die Schwingung des Geistes, aber nicht alle Schwingungen gleichen einander.

Unterschiedliche Silben tragen das Potential für die Kraft unterschiedlicher Schwingungen in sich. Das können wir auf eine einfache Weise erfahren durch den Klang bestimmter Wörter. Nehmen wir beispielsweise an, dass ich mich in einem fremden Land befinde, in dem niemand Englisch spricht. Ich bin in einer schrulligen Laune, verlasse mein Hotel, gehe die Strasse entlang und sehe jemanden mir entgegen kommen. Er kann kein Englisch, und ich nähere mich ihm und sage in barschem Ton zu ihm: “Thud!”. Okay? Nur “Thud!” Er weiss nicht, was das bedeutet, der Klang aber hat eine starke Wirkung auf seinen Geist.

Am folgenden Tag fühle ich mich nicht gut bei dem Gedanken, den armen Burschen durch meinen Klang erschreckt zu haben, und möchte das wieder gut machen. Daher gehe ich wieder die Strasse entlang und zu dem ersten Menschen, der mir begegnet und der ebenfalls kein Englisch versteht, nähere ich mich und sage mit sanfter Stimme: “Lull!” Was ist der Unterschied zwischen den beiden Klängen? Die Klänge “Thud” und “Lull” sind qualitativ verschieden. Dichter und erfahrene Schriftsteller sind sich dessen voll bewusst und benützen die Klänge mit grosser Wirkung in ihren Werken. Der Klang hat also eine Wirkung für sich, ungeachtet der Bedeutung des Wortes. Der Klang erzeugt einen Eindruck im Geist. Ganz ähnlich hat jedes der Mantras seine je eigene Klangschwingung.

 

Das Mantra als energetische Kraft

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Dieses gesamte Universum wird durch bewusste Kräfte in Gang gehalten. Einige Menschen ziehen es vor, diese Kräfte Engel, Götter, Inkarnationen oder Manifestationen Gottes usw. zu nennen. Die Klänge der Mantras sind repräsentativ für diese spezifischen Formen oder Aspekte von Bewusstsein. Daher betrachten wir die Mantras in der Tradition so, als ob sie Klangformen der Kraft des Göttlichen wären. Auch im Christentum, unter den Sufis oder in der jüdischen Kabbala gibt es bestimmte Traditionen, in denen gesagt wird, dass der Klang des Namens Gottes Gott selbst sei.

Um spezieller zu werden: Jeder Geist hat seine besondere eigene Zusammensetzung. Im Geist sind Eindrücke aus vielen Leben gespeichert. Diese Eindrücke werden Samskaras genannt. Welche Handlungen auch immer wir ausführen, welche Wünsche auch immer wir empfinden, welche Impulse auch immer in uns aufsteigen, sie alle werden durch diese Eindrücke aktiviert. Die Gesamtheit dieser Eindrücke aus der Vergangenheit formen unsere Persönlichkeiten.

Wenn wir uns selbst vervollkommnen möchten, dann müssen wir lernen, die Muster dieser Eindrücke zu verändern. Wenn ein Glas zur Hälfte mit kaltem Wasser gefüllt ist, und ich heisses Wasser hinein giesse, dann verändert sich der Charakter des Wassers. Wenn ich Eindrücke habe, die bittere Gedanken hervorbringen, und ich immer, immer und immer wieder jeden Tag viele Stunden lang den zentralen Gedanken eines den Geist versüssenden Klangs hinzufüge und wenn ich das zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre lang mache, dann empfängt der Geist den Eindruck dieses Klangs und kann nicht anders, als sich zu verändern.

Auf diese Weise verändert das Mantra unsere wahre Natur, läutert sie und macht sie sanfter und ruhiger. Wenn die Gesamtheit seiner Eindrücke einen Menschen zu gestörten Gedanken hindrängt, dann wird ihm ein beruhigendes Mantra gegeben. Wenn seine Gedanken zu passiv sind, dann erhält er ein aktivierendes Mantra. Wenn nun das Mantra immer, immer und immer wieder erinnert wird, dann erzeugen seine Eindrücke die jeweils erwünschten Veränderungen in der Persönlichkeit.

Indem es der Name und der Klangkörper des Göttlichen ist, prägt sich das Mantra selbst den tieferen Schichten des Geistes ein, die der Mensch auf diese Weise der Gegenwart des Göttlichen unterwirft, und die er zugleich für sie öffnet. Meditation mit dem Mantra ist die Erfahrung eines wortlosen Gebets und die Erfahrung des Subtilsten an Gefühlen in der Praxis der Hingabe. Es ist die höchste Form des Ausspruchs: “Nicht das Meine, alles das Deine, nur das Deine!”, so dass die gesamte Persönlichkeit dadurch eine Wohnstatt Gottes werden kann, ein Werkzeug des Göttlichen, eine Form, durch welche fortan allein das Göttliche handelt. Langsam! Alles zu seiner Zeit! Die Praxis beginnt, wenn man aufhört, das Mantra zu tun und es stattdessen nur aus den inneren Tiefen aufsteigen lässt, und ihm innerlich lauscht.

 

Mantras für bestimmte Persönlichkeiten und Zwecke

Da könnte jemand einwenden und sagen: “He, ich mag mich selbst, so wie ich bin. Ich möchte meine Persönlichkeit gar nicht ändern, und ich möchte nicht, dass da irgendjemand auf mich einwirkt.” Wenn du den Schritt nicht tust, ein Mantra anzunehmen, so gilt dennoch: Allein schon die ganz einfache Meditation mit dem Atem in Verbindung mit “So-ham” wird Veränderungen bewirken. Sie sind allerdings nicht ganz so intensiv wie die eines persönlichen Mantras. Wird ein persönliches Mantra gegeben, das diksha-mantra (initiiatorisches Mantra) oder Guru Mantra genannt wird, dann ist das, als ob ein Tropfen vom universellen Geist der Tradition genommen und dieser Tropfen, dieses Saatkorn in den Geist des Initiierten eingepflanzt würde. Das wird Initiation genannt, weil eine Form von Energie, wie gering auch immer sie sein mag, in der Traditionslinie von Schüler zu Schüler zu Schüler bis zum Empfänger herunter gereicht wird.

In der Brhad-aranyaka Upanishad, die ungefähr aus dem 14. Jh. v. Chr. stammt, finden wir eine Liste von Lehrern der Tradition: wer wen gelehrt hat, wer wen gelehrt hat, wer wen gelehrt hat. Auf diese Weise werden achtundsechzig Generationen von Lehrern aufgelistet, ein Lehrer nach dem anderen, zurückreichend bis zum ersten, Svyambhu Brahman, dem aus sich selbst heraus existenten Höchsten Sein. “Huldigung diesem Selbst existenten Höchsten Sein” heisst es in der Upanishad. So sind Mantras Klänge, Gedanken, Wörter, die in grauer Vorzeit von Rishis (Weisen) im höchsten Zustand des Samadhi, der höchsten Form der Meditation als Offenbarung im Bewusstsein empfangen wurden. Die mantras werden in der Seele als Offenbarung wach gerufen und dann in der Traditionslinie weiter gereicht.

Es gibt unterschiedliche Mantras für unterschiedliche Menschen. Wie funktioniert das? An dieser Stelle sollten wir ein wenig über die Geschichte der Yoga-Tradition reden. Manchmal fragen Leute: “Was hat es mit der Transzendentalen Meditation auf sich? Wie fügt sie sich in die Yoga-Tradition ein?” Das Wort “transzendental” ist ein gebräuchlicher moderner Ausdruck. Es ist mit Gewissheit kein Sanskritwort. Es ist eine Übersetzung für etwas anderes. Einige Leute fragen auch: “Was hat es mit der Zen-Meditation auf sich? In welchem Verhältnis steht sie zur Yoga-Meditation?”

Ungefähr um 3000 v. Chr. war Indien ein Land der Pioniere. Ähnlich wie in Amerika im 18. Jh. strömten Menschen aus allen Himmelsrichtungen herbei, rodeten einige Wälder, liessen sich nieder und gründeten Städte und Religionen. Einige aber, die tief philosophisch waren, hielten sich von all dem fern; sie zogen sich zurück und bauten Einsiedeleien in den Wäldern und in den Höhlen der Berge. Sie unterzogen sich einem Prozess der Selbstüberwindung und des Selbststudiums. Wenn Menschen des Lebens in den Dörfern und Städten überdrüssig wurden und sich nach Geistesfrieden sehnten, dann gingen sie zu diesen Einsiedlerlehrern, diesen grossen Meister in den Wäldern, sie verweilten einige Zeit zu ihren Füssen, erhielten von ihnen ein wenig Geistesfrieden, eine gewisse Wegweisung und etwas Weisheitswissen und begaben sich dann wieder zurück in ihre Dörfer und Städte, um ihr normales Leben wieder aufzunehmen.

Einige dieser Einsiedeleien entwickelten sich später zu grossen Universitäten. So kam z.B. Alexander der Grosse, als er in Indien einfiel, sehr nahe an das Gebiet heran, in dem sich die Universität von Taksha-shila befand, die damals über zwanzigtausend Schüler hatte. Aber das Lernen war damals nicht von der Spiritualität getrennt. Es umfasste stets eine Charakterbildung. Während des Lebensabschnitts als Schüler, der Phase des brahmacharya wurde jedem vermittelt, wie man sich selbst am besten führt, um der Gesellschaft zu dienen, den Zweck des Lebens als Mensch zu erfüllen und spirituell zu wachsen.

Die grossen Meister des Himalaya, die das Yogasystem geschaffen haben, durch deren intuitives Wissen und deren Weisheit die Lehren weiter gegeben worden sind und immer noch weiter gegeben werden, haben ergänzend zu ihrem intuitiven Wissen Experimente mit sich selbst durchgeführt. Die Arten von Gedanken, die wir denken, schaffen unsere Persönlichkeiten. Im Allgemeinen bleiben wir nicht bei irgendeinem einzigen Gedanken. Wir denken nicht folgerichtig. Unsere Gedanken kommen und gehen planlos kreuz und quer. Die Praxis des Mantras ist die Praxis, einen einzigen Gedanken zu nehmen und bei diesem einen Gedanken beständig zu verweilen, so dass er eine Wirkung auf den Geist ausüben kann.

So kann es sein, dass die grossen Meister der Yoga-Tradition sagen: “Mein Sohn, du hast nicht genug Feuer in dir. Wir werden dir ein Feuer-Mantra geben. Setze dich vor eine Flamme, eine Kerzenflamme, schaue sie an und im Fluss deiner Atmung denke mental dieses besondere Feuer-Mantra oder lausche innerlich auf seinen Klang. Innerhalb von sechs Monaten werden sich einige sehr positive Veränderungen in deiner Persönlichkeit vollziehen.” Einem anderen Schüler mag z.B. gesagt werden: “Alles, was dir fehlt, ist die Kühle und das fliessende des Wassers, daher werden wir dir ein Wasser-Mantra geben, mit dem du an einem fliessenden Wasser sitzen und meditieren kannst.” Dadurch wird nach einiger Zeit jener visuelle Eindruck ebenso wie jener eine Gedanke, der beständig und konzentriert memoriert wurde, sehr, sehr feine Veränderungen in der Persönlichkeit des Schülers bewirken.

 

Die allmählichen Veränderungen der Persönlichkeit

Veränderungen in der menschlichen Persönlichkeit kommen nicht über Nacht. Bevor du abends zu Bett gehst, schaue einmal in den Spiegel. Betrachte dein Gesicht. Wach auf am anderen Morgen und schaue nach: Hat sich dein Gesicht über Nacht verändert? Nein, nicht, es ist dasselbe Gesicht. Schau es dir morgen Abend erneut an. Vom Morgen bis zum Abend ist es dasselbe Gesicht. Morgen früh, morgen Abend dasselbe Gesicht. Wieder ist es dasselbe Gesicht. In fünf oder zehn Jahren von jetzt an gerechnet, nimm ein Foto von heute. In welcher Nacht gingst du schlafen und wachtest mit dem veränderten Gesicht auf?

Die Veränderungen der menschlichen Persönlichkeit sind sehr fein und nicht wahrnehmbar. Menschen, die mit einer Praxis wie der Meditation beginnen und ein Mantra erhalten, werden ungeduldig, weil sich der Geist nur langsam ändert. Jemand rief mich einmal an und sagte: “Ich erhielt mein Mantra vor drei Monaten. Wann werde ich meine Erleuchtung bekommen?” Der Prozess des spirituellen Fortschritts und des Auf-Sich-Nehmens einer besonderen regelmäßigen Übung wird Sadhana genannt, und das ist im Allgemeinen ein langsamer, sanfter und allmählicher Prozess. Er kann nicht beschleunigt werden, weil es so viel aufzunehmen gilt. Menschen aber sind ungeduldig.

 

Verschiedene Wege, das Mantra zu benutzen

Es gibt viele verschiedene Wege zum Zentrum deines Bewusstseins. Das ist alles, worum es in der Meditation geht. Es gibt viele verschiedene Wege zum wahren Selbst, und es gibt viele verschiedene Methoden und Techniken der Meditation, die jeweils für unterschiedliche Persönlichkeiten passend sind und empfohlen werden. Es mag sein, dass Leute sich auf eine Kerzenflamme konzentrieren. Einige benutzen vielleicht die eine Art von Atemübung, andere dagegen eine andere. Einige lauschen dem Klang des Mantras. Einige konzentrieren sich auf ein Mantra zusammen mit einer bestimmten Musiknote. Einigen mag gelehrt werden, sich in Verbindung mit dem mantra auf ein bestimmtes Bewusstseinszentrum (Chakra) zu konzentrieren und so weiter.

Heute wird den meisten Menschen geraten, mit einfachen Mantras zu beginnen, und später werden ihnen komplexere gegeben, mit denen sie eine Zeit lang üben sollen. Um bestimmte spirituelle Ergebnisse zu erreichen, wird Schülern gelegentlich aufgegeben, einige Zeit lang das Mantra in Verbindung mit einer inneren Konzentration oder mit einem Feueropfer zu praktizieren, wodurch die Intensität der Wirkung des Mantras verzehnfacht wird. Es ist ein Weg, dem Geist einen bestimmten Gedanken tief einzuprägen. Durch diese Prägung wird sich irgend wo eine Tür öffnen, und wo auch immer der Suchende zufällig gerade sein mag, seine nächste Stufe wird ein kleines Stück mehr in seine Reichweite kommen.

 

Raja Yoga und seine unterschiedlichen Wege

Die grossen Meister, die Gründer der Himalaya-Tradition des Yoga, waren Meister aller unterschiedlichen Wege zur Ich-Überwindung, zur Selbsterforschung und zum Zentrum des höchsten Bewusstseins. Aber nicht jeder Schüler, den sie ausbildeten, war fähig, alle unterschiedlichen Bereiche der Meditation zu meistern. Einige machten sich auf, um lange Zeit nur einen physischen Yoga zu praktizieren. Andere hatten Erfolg mit der Konzentration auf Licht. Diese Schüler wurden daher Meister in je speziellen Teilsystemen innerhalb des umfassenderen Systems und errichteten ihre je eigenen Akademien und Ashrams. Aus diesem Grund gibt es heute so viele verschieden Zweige des Yoga: Hatha Yoga, Nada Yoga, Laya Yoga und so weiter und so fort; Schüler begaben und begeben sich zu diesen bestimmten Ashrams, lassen sich dort nieder und versuchen einige Zeit lang einen dieser besonderen Wege. Was dabei geschieht, ist Folgendes: einige Schüler reden sich ein: “Dieses ist der beste Weg.” Warum machen sie das? Weil es gut für sie ist. Es hilft ihnen. “Ich ziehe grossen Nutzen daraus” sagen sie. Eine andere Person aber sagt: “Oh, diese Leute. Ich war dort. Ich versuchte das und bei mir passierte nichts.”

Schüler der grossen Meister waren und sind, wie man sieht, oft nur Meister in besonderen Teilsystemen, aber nur sehr, sehr wenige waren befähigt, das gesamte System des Raja Yoga, den königlichen Pfad, den Hauptpfad zu meistern, der in einem grösseren Rahmen alle diese Systeme umfasst. Im Raja Yoga gibt es eine grosse Vielfalt von Methoden, aber sie stehen alle unter dem Dach des ursprünglichen Systems. Alle diese verschiedenen Systeme fügen sich ein in den grösseren Rahmen, der viele Systeme, Methoden und Mantras umfasst, die für je unterschiedliche Individuen geeignet sind. In unserer Tradition beginnen wir mit Raja Yoga, dem königlichen Pfad des Yoga.

In vielen Städten und Ländern haben mich Menschen gefragt: “Wie kann man ihr System mit dem ZEN-System vergleichen?” Wie kann ich diese Frage beantworten? Daher sage ich in aller Freundlichkeit, dass alles, was man im ZEN weiß, auch im Yoga bekannt ist, dass aber nicht alles, was es im Yoga gibt, notwendiger Weise auch im ZEN bekannt ist.

Nehmen wir “TM” [“Transzendentale Meditation” (R. W.)] als ein anderes Beispiel. Ein bestimmtes Mantra zu nehmen und es in bestimmter Weise zu benutzen, ist einer der erprobten Wege, mit einem Mantra zu meditieren. Als Maharishi Mahesh Yogi (der Gründer der TM) in die Vereinigten Staaten und nach Europa kam und so viel zu geben hatte, müssen die Public Relations Leute ihm wohl gesagt haben: “Höre zu, Yogi, diese grosse Überflutung mit Weisheit und Philosophie funktioniert hier nicht. Du musst es schön verpacken! Du verstehst, nimm nur ein bisschen davon und verpacke es schön. Stecke es in eine attraktive Verpackung, kleb ein schönes Preisschildchen drauf, hefte noch einige andere nette Dinge dran und erzähle den Leuten, dass sie innerhalb von drei Jahren oder so ungefähr erleuchtet sein werden, oder dass es ihnen in irgend einer anderen Weise nützlich sein wird”. Was er den Menschen des Westens gebracht hat, ist aber nur ein kleines Fragment des gesamten umfassenden Yoga-Systems.

Was Vipassana anbetrifft, so bleiben die meisten Vipassana-Schüler, die ich kennen gelernt habe, auf Empfindungen, auf Köperempfindungen, beschränkt. Ich habe erlebt, wie einige 25 Jahre lang meditiert haben und über Körperempfindungen nicht hinaus gelangt sind. Sie könnten es schaffen, aber die meisten ihrer Lehrer wissen nicht, wie sie sie weiter voranbringen können, jenseits von nama-rupa (Name und Form). Ganz ähnlich steht es um ZEN. Obwohl es auch im ZEN Schulen gibt, die ein Mantra zulassen, haben viele der Schüler Schwierigkeiten, jenseits der Gedanken zu gehen. Daran wird deutlich: alle diese Systeme sollten wieder in die aus dem Vedanta kommende Kontemplation der Mahavakyas und der Meditation mit Mantra eingebunden werden.

Es gibt einen Ort, an dem die zwei (Kontemplation und Meditation) vereint sind, und man muss diesen Ort erfahren. Die Schönheit der Himalaya-Tradition besteht darin, dass sie alle die verschiedenen Systeme umfasst. Es stimmt nicht, dass sie getrennt von einander bestehen und du sie künstlich integrieren müsstest, vielmehr sind sie alle aus einem System hervorgegangen und haben sich aufgeteilt und jedes hat sich in seine eigene Richtung entwickelt.

 

Wie Mantras für die Initiierung ausgewählt werden

Ein Mantra ist eine Silbe oder eine Serie von Silben passend für eine individuelle Person. Nun mag ein Mensch zum Initiator sagen: “Sie kennen kaum meinen Namen. Wie wählen Sie da ein Mantra für mich aus?” Es gibt zwei verschiedene Prozesse der Erlangung von Wissen. Es gibt einen rationalen Prozess und es gibt einen intuitiven Prozess.

Aber erst einmal, wer bist du? Viele Menschen identifizieren sich mit ihren Namen und denken, dass sie ihre Namen sind; aber du bist nicht dein Name. Woher kam dein Name? Angenommen, du würdest in 3000 Jahren von heute gerechnet in einer sehr hoch entwickelten Zivilisation geboren, in der die Menschen nur Nummern haben oder in der sie ihren Namen geheim halten müssen. Es gibt da viele Möglichkeiten. Und wenn du da geboren würdest, dann kämst du nicht aus dem Leib deiner Mutter und sagtest: “Ich bin Maria.”

Es mag sein, dass du (gäbe man dir den Namen Maria) mit ungefähr eineinhalb oder zwei Jahren denken würdest: Sie sagen das Wort “Maria” und schauen mich an. “Maria, komm her, Maria tu dies. Maria tu das! Mein Name muss also wohl Maria sein” “Wie heisst Du, kleines Mädchen?” “Maria”. Das ist ein konditionierter Reflex. Du bist nicht dein Name, okay?

Es gibt bestimmte Persönlichkeitstypen. Diese Tatsache an sich ist eine Wissenschaft. Jeder Mensch hat einige Stärken und einige Schwächen. Diejenigen, die die Wissenschaft des Yoga verstehen, werden darin unterrichtet, den Persönlichkeitstyp zu erkennen, weil das Mantra für einen bestimmten Persönlichkeitstyp bestimmt ist. Der Initiator ist einer, der in der Mantra-Wissenschaft geschult ist und auch die Aspekte der menschlichen Persönlichkeit kennt.

Der Prozess der Initiation geht jedoch noch viel tiefer. Das Mantra wird intuitiv vom Initiator empfangen. Die Person, die dich initiiert, ist jemand, der einen sehr reinen, ungetrübten, unverschlossenen Geist hat. Er kann daher in der Meditation genau das Mantra empfangen und dann dir eingeben, das zu deinem Persönlichkeitstyp passt. Das hier ist nun der Abschnitt, in dem wir nur ungern einen Bereich betreten, den viele Menschen nicht akzeptieren werden. Einige mögen das ein Mysterium nennen. Fühle dich frei, es zu glauben oder nicht zu glauben. Viele Menschen können nicht akzeptieren, dass ein solcher Akt von Gnade möglich ist und bitten deshalb nicht um ein persönliches Mantra. Sie begnügen sich mit dem, was sie soweit, wie sie bisher gegangen sind, über die Meditation gelernt haben. In unserer Tradition jedoch werden fortgeschrittene Praktiken der Meditation nicht eher vermittelt, bevor nicht ein persönliches Mantra gegeben ist.

Der Lehrer, der Initiator, wird selten von sich aus sagen: “Ich möchte dir gern ein Mantra geben.” Das ist etwas, das aus dir selbst heraus entstehen sollte. Wenn du das Bedürfnis verspürst, dann fragst du. Dann wird eine Zeit festgesetzt und eine sehr einfache Form von Initiation durchgeführt. Aber der Wunsch danach muss aus dem eigenen Bewusstsein dessen aufsteigen, der initiiert zu werden wünscht. Es muss sein eigener innerer Impuls sein. Noch einmal aber, selbst wenn der Impuls nicht in dir aufsteigt, dann setze mindestens für dich selbst eine regelmässige Meditationszeit fest. Selbst schon die Festlegung einer bestimmten Zeit für die Meditation wird dich mit der Quelle der Gnade in Verbindung bringen.

 

Der Prozess der Initiiierung

Die Initiierungszeremonie in der Himalaya-Tradition umfasst bestimmte traditionell festgelegte Prozeduren. Weil es sich um einen Meilenstein handelt, der einen Wendepunkt im Leben des Schülers markiert, wird der Schüler/die Schülerin gebeten, sich mindestens einen Tag vor der Initiation zu reinigen. Das geschieht, indem man sattvische (reine) vegetarische Nahrung zu sich nimmt, emotional aufwühlende Aktivitäten vermeidet und eine heitere Gelassenheit des Geistes pflegt. Dann kommt der Schüler nach einem Bad in sauberer Kleidung, um sein Mantra zu empfangen.

Der Schüler wird zuvor gebeten, zum Initiierungstermin ein Geschenk von Früchten oder Blumen zusammen mit einem dakshina (einem geldlichen Opfer für die Gurutradition) mitzubringen. Diese Gaben stehen symbolisch für die fünf Sinne, rupa (Sehen), rasa (Schmecken), gandha (Riechen), sparsha (Berühren), shabda (Klang), und sie weisen auf die ernste Absicht des Schülers hin, sinnlichen Freuden nicht zu entsagen, aber sie den grösseren Wohltaten der spirituellen Entfaltung unterzuordnen.

Am Ort, an dem die Initiierungszeremonie stattfindet, wird der Schüler gebeten, sich eine Zeit lang still hinzusetzen und zu meditieren. Dann wird er/sie in den Raum geführt, in dem sich der Initiator in der Meditation befindet. Der Initiator und der Schüler meditieren einige Augenblicke lang gemeinsam, und dann wird das Mantra übertragen. Im Allgemeinen wird das Mantra in das rechte Ohr des Schülers geflüstert, und danach wird die gemeinsame Meditation noch einige Minuten lang fortgesetzt. Die Zeremonie endet mit einem Segen für den Schüler. Der Schüler äussert sein Vertrauen und seinen Willen, die Wahrheit zu suchen und sich auf die Reise der Selbsterkenntnis (sadhana) zu gegeben. Kraft der Gnade, die aus der Gurutradition erwächst, gibt der Lehrer das Mantra und das Versprechen, dem Schüler beim spirituellen Wachstum zu helfen.

 

Mantra als stabile Kraft in unserem Leben

Die Idee des Mantras ist es, ein besonderes Wort in dir zu haben. Einige Schulen sagen, dass man das Mantra täglich nur 20 Minuten lang benutzen soll, aber mit der Methode, wie sie im Raja Yoga von Swami Rama gelehrt wurde, wird dein Mantra zu deinem persönlichen Freund. Du behältst dein Mantra beständig im Geist: wenn du an der Bushaltestelle stehst, wenn du auf eine Verabredung wartest, wenn du Auto fährst, wann immer du dich zentrieren musst. Dein Mantra gehört zu dir; es ist bei dir. Es ist ein Wort, ein Satz, das bzw. der zu allen Zeiten bei dir sein sollte. Im Augenblick nämlich hast du viele zufällige Gedanken und Eindrücke in deinem Geist, alles, was du von aussen gesammelt hast. Einiges von aussen mag dich erregen oder dich ärgern oder dich stören oder dir Angst machen. Das Mantra aber ist etwas, das in dir ist. Es ist etwas aus dem Inneren. Daher ist, während die ganze Welt dich mit störenden Eindrücken bombardiert, etwas in dir, das dein beständiger Konzentrationspunkt bleibt, von dem du dich nicht abwenden solltest.

Es dauert einige Zeit, das zu praktizieren und auf diese Weise zu meistern. Aber es wird dein stiller Freund werden, bei dem du Unterstützung finden kannst, um all den Reizen und Anfechtungen widerstehen zu können, die dir dauernd entgegen geschleudert werden. Wenn du dein Mantra oft genug im Geist aufsteigen lässt, wird es Teil deines unbewussten Geistes. Das Mantra kann so zur Tür deiner Meditation werden, weil es der Brennpunkt ist, der Punkt der Konzentration. Die Praxis des Mantras wird deine Meditation.

In dem Masse, in dem du dein Mantra zu gebrauchen lernst, kann, wenn du damit in Verbindung bleibst, die Methode geändert werden, um dich weiter voran zu bringen: “Bis heute hast du es auf diese Weise getan. Nun solltest du zu dieser übergehen.” Manchmal ändert sich jahrelang nichts. Aber vergleiche dich nicht mit anderen und denke, dass, wenn jemandem eine andere Methode aufgegeben wird, du ebenfalls eine andere Methode erhalten solltest. Die eine Methode, die du jetzt hast, mag gerade für dich wirkungsvoll genug sein. Das hängt vom einzelnen Individuum ab und von der Art der Beziehung, die er oder sie zur Tradition und zur Quelle der Lehre zu unterhalten wünscht.

 

Hüte dein Mantra als Geheimnis

Nachdem man ein Mantra erhalten hat, wird es als Geheimnis gehütet. Halte dein Mantra geheim und übe, übe, übe. Es gibt viele fortschreitend verfeinerte Stufen des mentalen Übens mit dem Mantra und diese werden nach und nach vermittelt. Die Verschwiegenheit, die du einhältst, ist eine Form von mauna, eine Praxis des Schweigens. Das Mantra dient ausschliesslich der inneren Aufnahme und Vereinigung. Ein gesprochenes Wort ist verlorene Kraft. Daher soll das Mantra nur im Geist erinnert werden. Halte es fest in deiner Brust, fest in deinem Geist. Lass es deinen stillen Freund werden, der mit dir ist, ob du nun spazieren gehst, schlafen gehen möchtest oder aufwachst, oder im Bad bist oder auch in den Armen deines oder deiner Liebsten liegst. Das Mantra wird zum wahren Inhalt deines Geistes werden. Zu manchen Zeiten bist du dir seiner bewusst; zu anderen Zeiten bist du dir seiner nicht bewusst.

Der Initiator, der Lehrer, hat die Aufgaben eines Wegbegleiters, dich zu führen und dir die nächsten Stufen aufzugeben, wenn du so weit bist. Wenn des Lehrers Tradition eine genuine des Himalayas ist, dann erfolgt, sobald der Schüler darauf vorbereitet ist, die nächste Initiation oder Führung ins innere Licht oder in die Chakras, die Zentren des Bewusstseins, oder in die Kundalini. Sache des Schülers ist es, Kontakt zum Initiator zu halten.

Der Kontakt muss nicht durch Briefe, per Fax oder per E-Mail unterhalten werden, sondern indem du dich täglich zu deiner immer gleichen Zeit zur Meditation hinsetzt. Du wirst dann bemerken, dass eine sehr feine, kaum wahrnehmbare Verbindung fühlbar wird. Manchmal gibt der Initiator jemandem ein Mantra. Der Initiierte bleibt einige Jahre lang im Kontakt und verliert sich dann in den Wogen und Strömungen des Lebens. Fünfzehn oder zwanzig Jahre später fühlt er oder sie wieder das Bedürfnis, die Verbindung zum Lehrer und zur Traditionslinie zu erneuern. Es kann sein, dass er oder sie einen Brief schreibt oder sagt: “Du musst mich ganz vergessen haben, aber das Mantra hat mich niemals im Stich gelassen.” Das Mantra wird zum Saatkorn, aus dem der Rest des Baumes deiner Spiritualität wachsen wird.

Diese Übersetzung ist ein Auszug aus dem Buch “Nachtvögel” von Swami Veda Bharati (siehe Bücher und Broschüren von Swami Veda Bharati)

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