Meditation und Geist

von Swami Veda Bharati

Swami Veda in Meditation

Swami Veda in Meditation

Würde man sich fragen, auf welche Wissenschaft der größte Teil des Denkens der Weisen Indiens basiert, abgesehen von der Meditation selbst, dann wäre die Antwort „Psychologie“, das Verstehen des Geistes. Es wurden nicht nur objektive Beobachtungen allein vorgenommen. Die Weisen nutzten sich selbst als Probanden. Sie führten ihren eigenen Geist durch verschiedene Gefühlszustände (bhavas), Konzentrationen, Visualisierungen, stille Rezitationen usw. und beobachteten deren Auswirkungen auf den Geist. Diese Methoden und Instrumente werden wir später noch näher besprechen. An dieser Stelle fahren wir fort mit dem Versuch, die Definition des Geistes sowie seine Aktivitäten zu verstehen.

Schriftquellen

Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass es nicht so etwas wie eine einzige kollektive indische Philosophie gibt, so wie es auch nicht so etwas wie eine einzige kollektive europäische Philosophie gibt, in der alle Philosophen einig über bestimmte Prämissen sind und identische Schlussfolgerungen ziehen. Die verschiedenen Systeme der Philosophie gehen weit auseinander.
Würden wir zum Beispiel die indische Theorie des Geistes nach der vijnana-vada- oder yogachara-Lehre erläutern wollen oder die tausenden von Tabellen der Terminologie angeben wollen, die von den abhidharma-Philosophen bearbeitet wurden, würden wir eine sehr lange Zeit benötigen, um dieses Kapitel zu vervollständigen.

Wir nutzen hier folgende Quellen:
(1) In erster Linie die Sankhya-Yoga-Systeme.
(2) Mit einem Hauch von Vedanta an den Stellen, an denen die beiden verschmelzen.
(3 ) Anregungen aus der epischen Literatur (Mahabharata einschließlich der Bhagavad-gita, den Puranas und so weiter) in Bezug auf den Geist und seine Aktivitäten.
(4) Eine Systematisierung der weitreichenden Untersuchung des Geistes aus den ayurvedischen Schriften, wie das Charaka-samhita.

Keine in Indien entwickelte Wissenschaft kann erforscht werden ohne eine umfassende Auswertung ihres Zusammenhangs zur Erforschung des Geistes. So ist zum Beispiel die Theorie der Kunst und Literatur vor allem eine psychologische Theorie.
Ohne Konzepte wie bhavas, havas, anu-bhavas, sanchari bhava – das ganze Spektrum der Emotionen und ihres Ausdrucks – gibt es keine Theorie der Kunst und Literatur.

Es muss immer wieder betont werden, dass dieses ausführliche Bild des Geistes nur im Kontext der Praxis und Erfahrung der Meditation als ein ganzheitliches Einzelbild des Geistes verstanden werden. Selbstbeobachtung in der Meditation ist die Wurzel, der Rest sind Zweige.
Mit anderen Worten, diese Aussagen über den Geist und seine Aktivitäten sollten nicht als die heilige Lehre angenommen werden, als das inspirierte Wort, als die letzte Instanz und so weiter. Sie sollten im „Labor“ der Spiritualität namens Meditation überprüft werden. Durch die in der Wissenschaft der Meditation vorgesehenen „Labor“-Methoden testet man die verschiedenen Zustände des Geistes. Wenn der innere Test die vorherigen „Labor-Notizen“, wie die von Patanjali, bestätigt, dann glaubt man, dass diese wahr sind. Und auch wenn ein paar Anfangstests die erwarteten Ergebnisse liefern, fährt man fort.
Ebenso werden die Anregungen über emotionale Zustände durch Selbstbeobachtung und inneres Experimentieren überprüft. Erst dann akzeptiert man Aussagen wie „das Üben der Gewaltlosigkeit lässt alle Feindschaft in der Nähe des Ausübenden verstummen“.

Der Geist als ein Energiefeld, seine Stärken und Schwächen

Ein Energiefeld kann stark oder schwach sein; so kann ein bestimmtes mentales Feld schwach oder stark sein. Ein schwaches Energiefeld kann durch die Anwendung der geeigneten Methoden gestärkt werden.

Ein geschwächter Geist kann gestärkt werden durch die Anwendung bestimmter Methoden, wie:
1. Selbstversuche im Bereich physischer, verbaler und mentaler Verhaltensweisen,
2. Selbstbeobachtung,
3. Konzentration und
4. Meditation.

Eine Schwäche bedeutet die Schwächung einer Stärke. Dunkelheit kann nicht durch Kehren mit einem Besen entfernt werden, schließlich ist sie eine relative Schwächung des Lichts. Aufhellen von Licht entfernt die Dunkelheit. Man sucht die Stärke, deren Schwächung eine bestimmte Schwäche darstellt. Man verstärkt diese geschwächte Stärke und die Schwäche verschwindet. Dies gilt für Menschen, Gesellschaften, Religionen, Nationen oder andere Gruppierungen auch.

Ganzheitliche Stärkung

Eine nur teilweise Stärkung, einzelnes Ersetzen der Schwächen durch Stärken, kann nicht ganzheitlich, vollständig oder dauerhaft sein, bzw. atyantika, in den Worten von Ishvara-krshna, dem Autor von Sankhyakarika. Jede Stärkung einer bestimmten Schwächung des Geistes muss im Kontext der Stärkung des gesamten mentalen Feldes vollbracht werden. Diese Gesamtheit der Wieder-Erstarkung wird durch Meditation erreicht.
Dies sind einige Grundprinzipien der „Therapie“, oder besser gesagt, des persönlichen Neubaus, die spirituelle Lehrer ansetzen, um die Entwicklung ihrer geliebten Studenten und Schüler zu unterstützen. Dieselbe Methode kann von Eltern, Lehrern und Beratern oder Anführern von Gruppen und Nationen eingesetzt werden.

Was sind die Indizien und Merkmale, mit deren Hilfe wir einen schwachen oder einen starken Geist identifizieren können? Hier sind einige Indizien:

Ein schwacher Geist ist hart, es fehlt ihm an Dehnbarkeit, Fließvermögen und Mitgefühl.
Ein starker Geist ist dehnfähig, fließend und mitfühlend.

Ein schwacher Geist ist egoistisch, ein starker Geist ist demütig.

Ein schwacher Geist macht Aussagen, die sich widersprechen, ein starker Geist ist widerspruchsfrei, harmonisch.

Ein schwacher Geist sieht Gegensätze, ein starker Geist sucht nach komplementären Aspekten und hilft mit „Lösungen“ (samadhana).

Ein schwacher Geist beginnt seine Sätze (in Wort und Schrift) mit „Ich“ und wiederholt häufig die verschiedenen Formen dieses Pronomen. Ein starker Geist vermeidet die ersten Personalpronomen und ihre Varianten.

Ein schwacher Geist ist süchtig nach Wörter wie „Nein“, „Nicht“, „ablehnen“, „verneinen“, „bestreiten“, „meine Einstellung“, „aus meiner Sicht“ und andere ähnliche Ausdrücke. Wenn ein starker Geist „ablehnt“, verletzt er nicht wie bei einer Ablehnung.

Ein schwacher Geist fühlt sich von anderen zurückgewiesen, abgelehnt. Ein starker Geist hat den Glauben an eine positive und gute Reaktion der anderen.

Ein schwacher Geist behält die Erinnerung an Verletzungen und Schaden, die ihm andere verursacht haben, ein starker Geist vergisst diese.

Ein schwacher Geist vergisst das Gute und Liebe, das andere für ihn getan haben, ein starker Geist erinnert sich an diese.

Ein schwacher Geist vergisst, welche Verletzungen und welchen Schaden er anderen verursacht hat, ein starker Geist erinnert sich an diese.

Ein schwacher Geist erinnert sich an das Gute und Liebe, das er für andere getan hat, ein starker Geist vergisst diese.

Die Leute sagen einem schwachen Geist kein „Nein“ aus Angst, die Leute sagen einem starken Geist kein „Nein“ aus Liebe.

Ein schwacher Geist verteidigt seine eigene Position, ein starker Geist verteidigt die Position seiner Gegner und findet Gründe für denjenigen, der ihm eine Absage erteilt hat.

Ein schwacher Geist vergisst Dinge aus mangelndem Interesse an anderen und wegen emotionaler Vernebelung. Ein starker Geist erinnert sich, was andere interessiert, und keine emotionale Vernebelung verdeckt die „Rückruf“-Mechanismen.

Ein schwacher Geist verteidigt seine Handlungen, ein starker Geist entschuldigt sich.

Ein schwacher Geist vergibt nicht, ein starker Geist vergibt und vergisst auch den Vorfall.

Ein schwacher Geist kritisiert andere, spricht schlecht von ihnen, ein starker Geist kritisiert nicht, nicht einmal für sich, sondern versucht vielmehr, die Gründe für die Schwächen der anderen Person zu finden und verhilft zu Stärke.

Ein schwacher Geist wird angespannt und gestresst; die gleichen Reize, die Spannung in einem schwachen Geist verursachen, lösen sofort einen entspannten Zustand in einem starken Geist aus.

Ein schwacher Geist widersetzt sich anderen und beschuldigt sie, wenn sie ihm widerstehen; ein starker Geist trifft auf keinen Widerstand und seine Wege werden von anderen frei gemacht.

Ein schwacher Geist ist verletzt durch den Zorn anderer, ein starker Geist versucht liebevoll, den Grund des Schmerzes und des Leidens, die den Zorn verursachen, zu finden und sie zu beheben.

Ein schwacher Geist sieht die Schuld anderer, ein starker Geist sieht seine eigenen Fehler.

Eine Person mit einem schwachen Geist wird leicht müde, eine mit einem starken Geist erholt sich schnell.

Jemand mit einem schwachen Geist macht eine Krankheit des Körpers zu einem Geisteszustand, ein starker Geist nutzt mentale Heilung für den Körper.

Ein schwacher Geist versucht, andere für sich verantwortlich zu machen, und dann nimmt er es ihnen übel, ein starker Geist übernimmt die Verantwortung für andere, ohne ein Gefühl der Belastung.

Ein schwacher Geist folgt vorgegebenen Mustern, ein starker Geist erfindet sie.

Ein schwacher Geist ist träge und selbstgefällig, ein starker Geist ergreift die Initiative.

Ein schwacher Geist verdächtigt, ein starker Geist vertraut.

Ein schwacher Geist muss sich anstrengen, um eine Aufgabe zu erfüllen, ein starker Geist tut dies ohne Tun und erfüllt sie durch seine bloße Anwesenheit.

Ein schwacher Geist empfindet kleine Ärgernisse als große Leiden, ein starker Geist hat eine ozeanische Fähigkeit zu absorbieren und empfindet nicht, dass es Reizungen gegeben hat.

Ein schwacher Geist kann nicht die Fülle aller seiner Erfahrung kosten und wird dadurch nie satt; ein starker Geist ist gut zentriert, kostet und erlebt alles in ganzer Fülle, genießt mehr aus weniger und ist zufrieden.

Ein schwacher Verstand ist egozentrisch, sucht seine eigene Freude und wird oft dabei von denjenigen ausgebremst, in denen er Widerstand erzeugt; ein starker Geist sucht ständig die Erfüllung für andere, ruft dadurch keinen Widerstand hervor, und es sind dann die anderen, die Freude daran finden, ihm Erfüllung zu geben.

Ein schwacher Verstand reagiert auf kleine Dinge, kleine Erlebnisse, die nur einen Augenblick dauern und nur von temporärem Wert sind; der starke Geist ignoriert solche Dinge und sieht ein größeres Bild in einem weiten Zeitrahmen (dirgha-darshin und dura-darshin), daher wird er nicht von kleinen Erlebnissen, kleinen Worten und vorübergehenden Situationen gestört.

Ein schwacher Geist hat einen begrenzten Horizont, ein starker Geist hat einen weiten Horizont in allen Fächern und Themen.

Ein schwacher Geist sieht nur Teile, ein starker Geist sieht das Bild eines kompletten Ganzen, in dem alle Atome und Galaxien, alle Ideen und Wissenschaften ein einziges zusammenhängendes Ganzes sind.

Ein schwacher Geist findet es schwierig, neue Dinge zu lernen; alle Wissenschaften öffnen sich leicht einem starken Geist.

Ein schwacher Geist lebt in der Angst (vor Verlust, Wiederholung von Naturkatastrophen, Geistern und Besessenheit, Angriffen, Krankheit, Armut, Tod), ein starker Geist verteilt Beruhigung für alle Wesen durch seine Anwesenheit.

Ein schwacher Geist leidet unter Minderwertigkeit, bekräftigt dauerhaft seine (individuelle, religiöse, nationale, Stammes-, politische) Überlegenheit, ein starker Geist hält sich zurück von solchen Behauptungen aufgrund einer inneren Selbstsicherheit, die alle Gegner und entgegengesetzte Ansichten einschließt.

Ein schwacher Geist ist voller innerer Konflikte und bei jedem kleinen Schritt von tausenden von Fragen geplagt, sucht Antworten auf jede Frage und jede Antwort verursacht eine Ernte von einer Million weiteren Fragen. Ein starker Geist fließt in Harmonie und seine Fragen wurden nicht beantwortet, sondern lösten sich auf.

Ein schwacher Geist verlangt, ein starker Geist gibt.

Ein schwacher Geist fühlt sich beleidigt, ein starker Geist respektiert.

Ein schwacher Geist lehnt alles ab, ein starker Geist integriert alles, was unannehmbar scheinen mag.

Ein schwacher Geist sucht seine eigene Freude und Befriedigung, ein starker Geist entdeckt eine subtilere, feinere, intensivere und länger anhaltende Freude, nämlich die Freude zu wissen, dass seine Handlungen Freude verursacht haben.

Ein schwacher Geist spricht laut, ein starker Geist spricht nur aus einer Tiefe innerer Stille.

Ein schwacher Geist ringt darum, eine von vielen Möglichkeiten zu wählen, ein starker Geist integriert die widersprüchlichsten Optionen in einem einzigen Schema.

Ein schwacher Geist betreibt Völlerei, überisst, überbesitzt, überbehauptet, zieht sich übertrieben an, da er versucht, seine Leere mit äußeren Objekten zu füllen; ein starker Geist hat eine innere Fülle, ist daher mild, zurückhalten, fühlt sich nicht eingeschränkt oder benachteiligt. Ein starker Geist unterverwöhnt sich, unterbesitzt, unterbehauptet.

Ein schwacher Geist lebt in der Angst vor anderen, überschützt sich selbst ständig und lädt damit Angriffe ein; ein starker Geist lebt in der Liebe und diese Liebe alleine ist sein Schutz.

Bemühungen und Beziehungen eines schwachen Geistes sind unbeständig, in Gegenwart eines starken Geistes wird alles gefestigt.

Ein schwacher Geist kann sich nicht konzentrieren und wandert herum, ein starker Geist ist konzentriert und dadurch im Leben und in der Meditation gut zentriert.

Ein starker Geist, schließlich, ist ein heiliger Geist, der anderen Freiheit gewährt und sie von ihrer Selbstversklavung befreit.

Dies ist eine sehr unvollständige Liste, nur ein Hinweis für die Beurteilung, ob wir einen schwachen Geist oder starken Geist haben, das heißt, ob unser mentales Feld voller Energie ist oder nur teilweise oder schwach. Schwache mentale Energiefelder können in starke verwandelt werden, geleitet von diesen Indikatoren.

Mögen alle geschwächten Geister, die Konflikte und Kriege führen, ihre göttliche Kraft zurückgewinnen und zu Spielfeldern der Götter werden.

Dieser Text wurde übersetzt aus Swami Vedas Buch “Mind – Playground of the gods” (“Der Geist – Spielfeld der Götter”).

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