Spirituelle Erziehung von Kindern

von Swami Veda Bharati

Swami Veda Bharati mit Kindern

 

„Wir können nicht alles auf die Gene schieben … die Menschen müssen sich geistig der schrecklichen Möglichkeit öffnen, dass … die wichtigsten Ereignisse in der Entwicklung eines Kindes nicht bei der Empfängnis passieren, sondern Jahre davor.“

Discover Magazine, Dezember 2002, S. 52, Zitat von Dr. David Barker, Leiter des Medical Research Council, Environmental Epidemiology Unit, Universität von Southampton, England.

 

Das obige Zitat bezieht sich auf die Barker-Hypothese, die Tatsache, dass der Gesundheitszustand der Eltern lange vor der Empfängnis das Auftreten von Krankheiten bedingen kann, die das Kind in seinem mittleren Alter oder später erleidet.

In Indien lag traditionell der Schwerpunkt nicht nur auf der Verbesserung der körperlichen Gesundheit eines Kindes/einer Person, sondern auf dem geistigen und seelischen Wohlbefinden. In der Tat dient das zweite oft als Grundlage für das erste, da, wie Swami Rama vom Himalaya nie müde wurde zu betonen, über 75% der Erkrankungen psychosomatischen Ursprungs sind.

Heutzutage gibt es in der ganzen Welt eine wachsende Besorgnis über den Mangel an Disziplin und den Verlust der gewaltfreien Werte in der Gesellschaft, vor allem unter der Jugend. Dies gilt genauso auch für Indien. Noch so viele soziale Programme, ob für Reiche oder Arme, können solche destruktiven Tendenzen ändern. Trotz der enormen Menge an Mitteln, die zur Verhinderung von Drogenabhängigkeit sowohl in den Industrieländern wie auch in den „Entwicklungsländern“ aufgewendet werden, hat das Suchtproblem wesentlich zugenommen. Man sucht ständig nach neueren und innovativeren Lösungen.

Meiner bescheidenen Meinung nach, benötigen wir zur Inspiration einen Rückblick auf die Geschichte unserer eigenen Zivilisation.

Historisch gesehen ist Indiens Erbe voll mit Geschichten von Kinder-Heiligen. Eines Tages, so hoffe ich, werde ich Zeit und Gelegenheit haben, ein Buch über die ganze Galaxie der Kinder-Heiligen Indiens zu schreiben. Wie schufen die Familien und die Gesellschaft Wesen von so hoher spiritueller Feinheit?

Diese Frage ist nicht rein akademisch. Es ist nun in vollem Umfang anerkannt, dass die Praxis der Meditation, die den Geist Einzelner beruhigt, Veränderung in der gesamten Gesellschaft mit sich bringt. Die einzige Lösung für das Problem der gestörten Geister der Jugend ist, ihnen Meditation beizubringen.

Auf meinen weltweiten Reisen werde ich häufig gefragt: in welchem Alter können wir beginnen, Kinder Meditation zu lehren? Unverändert lautet meine Antwort: 3 Jahre vor der Empfängnis. Zuerst denken meine Zuhörer, dass ich scherze, aber dann erkennen sie, dass ich das ernst meine. So wie der Zustand der körperlichen Gesundheit der Eltern die zukünftige Gesundheit ihrer Kinder bestimmen kann, so bestimmt ihr geistiger und seelischer Zustand die geistige und seelische Gesundheit ihrer Kinder von Anfang an.

Was auch immer sich für Gedanken im Geist der Eltern während der drei Jahre vor der Empfängnis ansammeln, ihre Gesamtheit wird dem Fötus als unbewusste Prägung weitergegeben. In der Tat wählen die Eltern die Art der Seele, die sie als Kind haben wollen, durch die Art des psychischen Verhaltens, dem sie sich hinzugeben wählen. Es ist zum Beispiel wohl bekannt, dass das Kind einer Mutter, die während der drei Jahre vor der Empfängnis intensiv Gayatri-Mantra praktiziert hat (und es gibt in anderen Religionen Gebete mit ähnlichen Effekten), dass dieses Kind so brillant sein wird, dass es nie zur Schule gehen muss um zu lernen.

Deswegen ist das erste der sechzehn Lebenssakramente in der hinduistischen Tradition der „Garbhadhana“, die heilige Zeremonie vor der Empfängnis, um die reine Seele in den Mutterleib einzuladen.

Was während der drei Jahre vor der Empfängnis nicht erreicht wurde, kann nun während der neun Monate der Schwangerschaft durchgeführt werden. In den kulturell gebildeteren Familien in Indien, in denen Frauen respektiert werden, ist es üblich, dass die angehenden Mütter (a) Bilder von grossen Heiligen ins Zimmer hängen und (b) viel Zeit mit dem Lesen von Schriften und mit Japa verbringen, der mentalen Rezitation von Gebeten und von besonderen Mantras.

Der Fötus erhält nicht nur die Nährstoffe von der Mutter. Er erhält auch ihr Prana, die Lebensenergie, sowie die Zustände ihrer Gedanken und Gefühle. Ein Fötus ist ein sehr empfindliches Wesen. Es ist bekannt, dass das Kind im Mutterleib springt, wenn eine Tür knallt, oder dass es seine Augen schliesst, wenn im Raum zu helles Licht strahlt. Es ist ebenso bekannt, dass der Fötus auf Ärger, Reizungen, Ängste und Depressionen der Mutter reagiert. Indem man solche Unruhe im Geist der Mutter verursacht, rahmt man den Geist des Kindes entsprechend ein. Es wird daher empfohlen, dass die Mutter Meditation praktiziert und auf diese Weise während der Schwangerschaft die beruhigenden Wirkungen der Meditation auf das Kind überträgt. Sie wird dadurch ein Kind erschaffen, das als Jugendlicher nicht so leicht aus der Bahn geworfen wird und zu Gewalt oder Sucht neigt. Eine Mutter, die meditiert, formt einen meditativen Geist für das Kind.

Was auch immer während der Schwangerschaft nicht erreicht wurde, kann während der Zeit des Stillens nachgeholt werden. Es ist auch bekannt, dass die Stimmung der Mutter während des Stillens grossen Einfluss auf das Kind hat. Ich rate oft jungen Müttern: beim Stillen, lasst euren Körper wie in Shavasana entspannen, der klassischen Entspannungsposition, und wiederholt euer Mantra im Kopf. Auch damit verstärkt ihr die ruhige Neigung des Kindes.

Emotionale Zustände werden nicht gelehrt, das Kind empfängt sie von den Eltern. Wenn die Eltern sich beschweren, dass ihr Kind widerspenstig ist und sie oft stört, antworte ich: „nicht das Kind stört euch sondern ihr stört das Kind“. Das Kind ist der Spiegel der Emotionen von Erwachsenen. Wenn ein Erwachsener den Zustand seiner Gedanken, Stimmung, Emotionen herausfinden möchte, muss er nur das Kind in seiner Nähe betrachten. Der kristallene Geist des Kindes reflektiert nur das, was in dem Geist des Erwachsenen vor sich geht. Um einen ruhigen Geist zu trainieren, trainiere dich selbst darin, ruhig zu sein. Ich rate den Eltern immer: „Beschimpft nie ein Kind, wenn ihr verärgert seid“ – dann korrigiert ihr nicht das Kind, sondern benutzt es lediglich als Sicherheitsventil für eure eigenen Störungen. Wenn du selbst nicht verärgert bist, dann kannst du spielen, vortäuschen, so tun als wärest du verärgert, um das Kind zu korrigieren.

Das gleiche gilt für das Unterrichten von Meditation. Bisher haben wir über die passive Weitergabe des meditativen Zustands auf den Geist des Kindes gesprochen. Ab welchem Abschnitt oder in welchem Alter können wir ihn aktiv lehren? Hier werde ich auf zwei Versuche verweisen, die ich durchführte, als ich Haushälter war (viele Jahre bevor ich die Sanyasa-Gelübde ablegte).

Ich hielt einen 6 Monate alten Jungen auf dem Schoss, eingewickelt in meinen Meditationsschal, und wir sassen bis zu 45 Minuten lang absolut still (ohne zu schlafen). Es ist der Zustand meiner Stille, auf den das Kind reagierte. Tut dies immer wieder mit jedem Kind, und Stille und Ruhe werden für das Kind natürlich.

Als das Kind drei Jahre alt war, oder sogar noch ein bisschen früher, begann ich, aktiv die Meditationsmethoden zu lehren. Oft kehrte ich von einer langen Vortragsreise nach Hause zurück, nachts, und die Kinder sagten: „Erzähl uns eine Geschichte“. „Aber ich bin so müde“, flehte ich. „OK, dann gib uns eine Entspannung“ – war die unveränderliche Antwort. Aber noch einmal, eine angespannte Person kann keine Entspannung leiten; seine Körpersprache und seine Stimme verraten seine Unruhe.

Die Kinder in der Familie, derart trainiert, fragten in der Schule nach der Erlaubnis, anderen Kindern in ihrer Schule (in den USA) die Meditation beizubringen. Daraufhin wurde ich oftmals angerufen, um in der Schule zu sprechen.

Man hofft und betet, dass Praktiken der Beruhigung des Atems, der Entspannung und der Meditation zu Bestandteilen des täglichen Lehrplans gemacht werden können. Daran ist keine bestimmte Religion beteiligt. Es gibt Möglichkeiten, Meditation ohne religionsspezifische Inhalte zu lehren und zu praktizieren. Wenn die Lehrer in ihrer Ausbildung diese Möglichkeiten lernen könnten, würden sie einen unschätzbaren Beitrag beim Aufbau einer friedlichen Gesellschaft leisten.

Artikel übernommen von www.swamivedablog.org, Dezember 2010, und übersetzt ins Deutsche.

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