Warum hat er sich nicht selbst geheilt?

von Swami Veda Bharati

 

Interessierte Sucher stellen gelegentlich diese Frage.

Antworten darauf könnt ihr in der Serie ‘At the Feet of a Himalayan Master’ (Zu Füssen eines Meisters der Himalayas) finden. Bisher sind von verschiedenen Schülern 2 Bände ihrer Memoiren vom Swami Rama Centre des Himalayan Institute Hospital Trust veröffentlicht worden. In den USA sind sie über Lotus Press erhältlich.In diesen Bänden finden sich zahlreiche Beispiele dafür, wie Swami Rama seine engen Schüler auf ihrem Weg angeleitet hat.
Es wird ebenfalls beschrieben, wie er die Krankheiten vieler Schüler auf sich genommen und diese entweder in sich absorbiert oder einfach aufgelöst hat.Auch ich habe während meiner langen Phasen chronischer Erkrankungen derartige Erfahrungen gemacht.
1980 erkrankte Swami Rama sehr schwer und blutete aus seinen Körperöffnungen. Seine Ärzte diagnostizierten einen Zustand völliger Erschöpfung. Er rief einige seiner Schüler zu sich, um mit ihnen eine Zeit des Schweigens zu verbringen, und um ihnen mitzuteilen, “mein Meister ruft mich zu sich und ich muss gehen”.
Er instruierte seine engsten Mitarbeiter bezüglich seiner zahlreichen Organisationen. Er verabschiedete sich von uns und gab uns Anweisungen, was mit seinem Körper zu geschehen hätte, wenn er diesen verlassen sollte. Dann verliess er die USA, um seinen Meister zu treffen.
Das war im September 1980. Danach hörten wir nichts mehr von ihm. Wir fragten uns alle, ob wir ihn je wiedersehen würden.
Vor seiner Abreise hatte er mich aufgefordert, mit meiner Familie von den USA nach Indien zu übersiedeln, um in seinem Ashram in Rishikesh zu leben. Wir wollten die USA am 17. Dezember 1980 verlassen; am 16. Dezember erreichte mich ein Anruf von ihm. Aufgeregt fragte ich ihn: “Maharaj-ji, von woher rufst du an?”. Er war in Hongkong.Besorgt erkundigte ich mich nach seinem Befinden. Seine Antwort lautete:
“Mir geht es sehr gut, mein Lieber, aber mein Gurudeva hat seinen Körper verlassen. Es war der Zeitpunkt gekommen, zu dem einer von uns dreien den Körper verlassen musste: er (mein Meister), ich selbst oder du. Gurudeva hat zu mir gesagt: ‘Mein Werk ist nun vollendet; aber es bleiben noch immer 14 Jahre Lebenszeit in diesem Körper. Doch deine Aufgabe ist noch nicht abgeschlossen. Deshalb übertrage ich diese 14 Jahre Lebensspanne auf dich, damit du deine Aufgabe abschliessen kannst’.”
Ein paar Wochen später traf ich ihn in Delhi. Er sah kerngesund und kraftvoll aus. Er war bereit, sein Herzensprojekt zu beginnen – ein Krankenhaus für die am Fuße des Himalaya lebenden Menschen zu errichten. Doch er entschied sich, zuvor noch einen Ashram in Nepal zu gründen. Unmittelbar nach dessen Fertigstellung kehrte er in seinen Ashram in Rishikesh zurück, um den Bau des Grosskrankenhauses in Angriff zu nehmen.Und ich zählte die Jahre. Vierzehn Jahre vergingen, und er war immer noch in seinem Körper, was mich erleichtert aufatmen ließ. Sein Körper war jedoch schwächer geworden.
Er sagte wiederholt: “Mein Gurudeva ruft mich zu sich. Mich kann jetzt keine Macht mehr zurückhalten. Meine Arbeit ist vollendet, und nun werde ich gehen”.Wir mussten zusehen, wie sein Körper von ständigen Schmerzen gezeichnet wurde und er stark an Gewicht verlor; doch er beeindruckte immer noch durch seine Erscheinung und aufrechte Haltung und zeigte keine Spur von Traurigkeit. Unermüdlich und voller Inspiration leitete er die letzten Bauphasen des Krankenhauses. 1992 wurde der Grundstein gelegt; im Jahr 1996 war das gut ausgestatte Krankenhaus bereits in Betrieb. Das Medizin-College wie auch die Krankenpflegeschule waren bereits von der indischen Regierung anerkannt worden.Obwohl es im Krankenhaus genügend Ärzte und Spezialisten gab, konnten sie seinen Zustand nicht diagnostizieren. Seine besorgten Schüler drängten darauf, weitere Spezialisten hinzuzuziehen. Doch auch sie gelangten zu keiner eindeutigen Diagnose.
An dieser Stelle möchte ich kurz abschweifen.
Swami Vivekananda starb an Diabetes.
Der große Ramana Maharshi starb an Krebs. Als die Ärzte versuchten, seinen Krebs zu heilen, soll er Folgendes gesagt haben: “Da versuche ich jetzt, diese schwere Krankheit, die sich Körper nennt, los zu werden; und ihr versucht alle, mich von dieser leichten Krankheit – Krebs – zu heilen, die es mir ermöglicht, meinen Körper los zu werden”.
Der große Yogi Totapuri (der allen ein Begriff ist, die mit dem Leben von Paramahansa Ramakrishna vertraut sind) änderte wie viele Yogis mehrfach seinen Namen. Als Totapuri verließ er ca. 1958 seinen Körper. Von ihm hiess es, dass er dasselbe tat, was Swami Rama sein ganzes Leben lang getan hat – nämlich Krankheiten von Menschen auf sich zu nehmen und sie aufzulösen. Doch er behielt eine Diabeteserkrankung, die er von jemandem auf sich genommen hatte. Auf die Frage, warum er sich nicht selbst davon heilen würde, antwortete er: “Zu einem bestimmten Zeitpunkt muss ich meinen Körper verlassen; genau dafür behalte ich diese Krankheit als ‘letzten Pfeil in meinem Köcher’.”
Nun wieder zurück zu Swami Rama:
die Chirurgen an unserem Krankenhaus freuten sich stets, wenn eine schwierige Operation problemlos und erfolgreich verlief, für die sie vorher Swami Ramas Segen erbeten hatten.Für Swami Ramas Krankheit schien es keine Lösung zu geben. Auf Drängen von besorgten Schülern wurden Spezialisten aus verschiedenen Teilen der Welt konsultiert. Sie konnten sich jedoch auf keine Diagnose einigen. Der Leberspezialist diagnostizierte eine Lebererkrankung, für den Krebsspezialisten war es eine Krebserkrankung dieses oder jenes Organs.
Als ich ihn fragte, warum sich diese Spezialisten nicht auf eine Diagnose einigen konnten, antwortete er ungehalten: “Alles Quacksalber!”
Schon früher wollte ich einmal ein Yajna (Feuerzeremonie) mit dem Mrityunjaya-Mantra für seine Gesundheit organisieren. Swami Rama meinte verwundert: “Was soll das Japa anderer für mich bewirken? Ich bin es doch, der das Mantra gegeben hat!”
Ich fragte ihn: “Aber Swamiji, du hast doch so viele Menschen in deinem Leben geheilt. Warum benutzt du deine Heilkraft jetzt nicht, um dich selbst zu heilen?”
Seine Antwort darauf: “In der Tradition ist es nicht erlaubt, diese Kräfte auf solche Weise für sich selbst zu nutzen.”
Ich antwortete ihm: “Maharaj-ji, dann verleihe mir die Heilkraft, und ich werde sie nutzen, um dich zu heilen.”
Er lächelte nur sanft und meinte: “Dann ist es meine Kraft, die du für mich nutzt. Das ist in dieser Tradition nicht gestattet.”
Das war für uns wirklich eine Lektion über die völlige Selbstlosigkeit eines Yogi.
Bis zum letzten Tag machte Swami Rama seine Runden durch sein Krankenhaus.

Am 13. November 1996 verließ er schließlich seinen Körper.

(Obiger Text ist ein Auszug von Swami Veda Bharati’s noch unveröffentlichtem Buch über Gurudeva Swami Rama.)

Diese deutsche Übersetzung wurde dankend übernommen von www.yoga-tirol.at

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